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KLASSIK

Mit Bach im Bunde:

Evgeni Koroliov im Konzerthaus

Im Parkett des Konzerthauses sieht es aus wie auf einem untergehenden Schiff, alle hat es nach links gedrängt: Alle wollen Evgeni Koroliov auf die Hände sehen, auch wenn der gar nicht Balakirews „Islamey“ spielt, bei der es vielleicht nötig wäre, die ungläubigen Augen auf die offene Seite des Flügels zu richten, sondern stattdessen Bachs Goldberg-Variationen, ein Werk, das ein vielleicht noch stärkerer Nimbus umweht, Bach selbst, Glenn Gould und auch Hannibal Lecter sei Dank. Koroliov, das Gegenbild eines Tastenlöwen, interpretiert die Variationen ohne Zauberei, eher als jene „Clavier- Übung“, als die sie im Erstdruck von 1741 erschienen, mit besonderem Gespür für die eiligen, trillernden Nummern und für die Polyphonie dieser Musik – schon beim fabelhaften „Canone all’unisuono“ meint man, seine Arme seien nur zufälligerweise am selben Brustkasten angewachsen, so verschieden sind die Stimmverläufe, denen die beiden Hände folgen. Die Eigenart dieser Komposition aber, das Immerwieder der dreißig Variationen, überdies die Nahtlosigkeit, mit der Koroliov sie aneinanderfügt, verfehlt ihre Wirkung nicht. Ist dies noch Darbietungsmusik? Oder nicht doch ein wundersam klingendes Experiment? Bald jedenfalls scheint sich der ganze, schief besetzte Saal in einem Zustand aus Schläfrigkeit und tiefer Konzentration zu befinden; nach dem Da capo der Aria gibt es ein ruckartiges Erwachen, großen Jubel, eine Betriebsamkeit beim Akklamieren, die nach dieser Musik besonders frappiert. Christiane Tewinkel

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