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KLASSIK

Schillernd: Konzerthausorchester mit Bernstein und Mahler

Was immer das Konzerthaus dazu ermuntert hat – es widmet Leonard „Lenny“ Bernstein, der hier sieben Mal am Pult stand und 1989 Beethovens Neunte in eine „Ode an die Freiheit“ umdichtete, in diesen Tagen eine Hommage. Seine Musik hat viele Gesichter, oszilliert zwischen Gassenhauern, Jazz und tiefem Ernst. Bernstein unterschied nur nach guter und schlechter Musik und genoss den Erfolg seiner Vermählung von U und E zeit seines Lebens: Sein Witz war nie billig und sein Verstand immer hellwach.

Die drei Tanzepisoden des Musicals „On the town“ schreien nach Broadway-Routiniers. Im Konzerthaus tut Iván Fischer zwar vieles, um den Puls dieser Musik nachzuempfinden. Doch mehr als akademischen Groove bringt er nicht zustande. In Bernsteins Serenade nach Platons „Symposion“ sorgt vor allem Ning Feng mit der Sologeige für ein Meer schillernder Klangfarben. Ein Auftrumpfen mit Virtuosenreiterei ist da nicht notwendig. Präzision braucht es eher für Gustav Mahlers Vierte, deren steter Fürsprecher Leonard Bernstein war. Sie benötigt Zeit und Ruhe, um unter der grausligen Schönheit das innere Brodeln spüren zu lassen. Leider sorgt für solcherlei Kratzen unter der Oberfläche vor allem ein kaputter Scheinwerfer, dessen Membran ausgerechnet an den innigsten Stellen des dritten Satzes flattert wie ein Segel im Wind. An Konzentration ist zeitweise nicht zu denken. Erst dann die Erkenntnis: Alle Schönheit ist Trug. Christian Schmidt

POP

Innig: die Sängerin und Gitarristin Scout Niblett im Privatclub

Ob Tacheles, Volksbühne, Lido oder HAU: Seit einer knappen Dekade steht Scout Niblett fast einmal jährlich auf einer Berliner Bühne. In diesem Jahr kam die in Portland, Oregon, lebende Engländerin sogar schon zum zweiten Mal in die Stadt. Trotzdem war der Kreuzberger Privatclub am Freitagabend ausverkauft. Das Publikum: werkkundig, ergeben, aber nicht devot. Niblett – den Vornamen Scout lieh sie sich bei der Hauptfigur des Films „Wer die Nachtigall stört“ (To Kill a Mockingbird) – stellt sich mit roter Stoffblume im strähnigen Haar und bravem rotweißen Ringelshirt auf die Bühne, stimmt die Gitarre und beginnt kommentarlos. Verglichen mit ihren ideellen Müttern PJ Harvey und Courtney Love agiert sie zurückhaltend, bewegt sich mit meist geschlossenen Augen keinen Zentimeter vom Fleck und exekutiert ihre erstaunlich unpeinliche Neunziger-Grunge-Exegese, erst ruhig solo, dann dynamisch gesteigert, begleitet von Drummer und Zweitgitarrist. Nibletts Musik lebt gerade live von ihrer klaren Stimme und den Intensitätswechseln, die jedes Stück bestimmen, diesem Hin- und Herkippen zwischen melodischer Intimität und aggressiver Expressivität. War das Laute früher von roher Holzigkeit, hat das Wechsel- und Zusammenspiel heute dialektisch gerundete Perfektion erreicht. Niblett führt ihr aktuelles sechstes Album fast komplett auf, mischt Perlen aus der Backlist darunter und schließt mit der Verzerrerpreziose „Just Do It“.

Leise zupfend beschwört sie ein Es-war-so-schön-es-könnte-doch, um gleich wieder weißglühend auszubrechen in Wut, Schmerz und Eifersucht. Dann schultert Niblett ihren Rucksack und stellt sich hinter den Merchandising-Tisch. Kirsten Riesselmann

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