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Französisch: Mark Minkowski beim Deutschen Symphonie Orchester

Das wahre Paradies? Paris! Mit einer Hommage an die französische Metropole eröffnen Marc Minkowski und das Deutsche Symphonie-Orchester ihr anregendes Samstagabend-Divertissement in der Philharmonie: Lauthals ruft der Dirigent die Satzbezeichnungen von Jacques Iberts „Paris“-Suite von 1930 in den Saal: „Die Métro um acht Uhr morgens!“, „Tanzvergnügen im Bois de Boulogne!“, „Jahrmarkt am Montmartre!“. Schmissige, zeitgeistige Musik ist das, in ihrer suggestiven Lautmalerei perfekt geeignet als Stummfilmbegleitung, durchsetzt mit Modetanz-Melodien vom Musette-Walzer bis zum Quickstepp.

In die unangefochtene Weltkulturhauptstadt zog es 1833 auch den Kölner Jakob Offenbach. Als Jacques machte er hier Karriere, revolutionierte die Operette. Dass er auch als Cellovirtuose in den Salons brillierte, war vergessen, bis Jean-Christophe Keck 2005 aus nachgelassenen Skizzen Offenbachs „Concerto militaire“ rekonstruierte. Am Ende der Berliner Erstaufführung, nach 45 Minuten irrwitzig virtuoser Akkordarbeit, wird der Solist Jérome Pernoo vom Publikum gefeiert. Was für ein Flitzen durch die Oktaven, immer wieder riskante Spielereien in den höchsten Lagen, Duelle mit der kleinen Trommel – dieses Cellokonzert ist mindestens so überdreht wie die Handlungen der besten Offenbachiaden.

In den kräftigen, leuchtenden Farben der Provence lässt Minkowski das DSO die Stimmungsbilder von Georges Bizets „Arlésienne“ nachmalen – und unterstreicht damit die größte Begabung des Komponisten: nämlich Leidenschaft ganz unmittelbar, gefühlsecht in Töne fassen zu können. Frederik Hanssen

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Geschnetzelt: 40 Jahre Eisler-Chor in der Akademie der Künste

Seit 40 Jahren singt der Hanns Eisler Chor Berlin – getreu einem Ausspruch seines Namensgebers – „gegen die Dummheit in der Musik“ an. Dies zunächst natürlich mit Eislers Werken selbst – eine Pioniertat im „Kalten Krieg“. „Gegenlieder“ zum sich unpolitisch gebenden Chorgesang präsentierte man am 1. Mai und zum Antikriegstag, bei „Künstler für den Frieden“ und Chile-Solidaritätstagen, doch auch bei den Berliner Festwochen. Diese Geschichte reflektiert das Jubiläumskonzert in der ausverkauften Akademie der Künste, wenn die Sänger zu Eislers „Solidaritätslied“ auf die Bühne treten. Die „Chorrespondenzen“ von Hartmut Fladt bündeln Eisler-Songs zur dissonant geschärften Collage, die allerdings zur nostalgischen Sprüchesammlung mutiert: „Ändere die Welt, sie braucht es“ – geschenkt. Unverminderte Kraft strahlt jedoch das rhythmisch messerscharf vorgetragene „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“ aus. Mit Viola Bormann und Ben Zimmermann geben zwei hochbegabte junge Musical-Solisten auch Weills „Cry the beloved country“ anrührende Wirkung. Ansonsten zeigt der Chor unter seinen tüchtigen Dirigentinnen Christina Hoffmann-Möller und Susanne Jüdes seine heiter-ironische Seite, wie er sie nach der Wende etwa in „SurprEisler-Konzerten“ kultivierte. Ob beim „Schlagergeschnetzelten“ ausgerechnet Zarah-Leander-Songs oder Ilse Werners „Wir machen Musik“ von 1941 die „Kulisse für Eisler, Weill & Co“ abgeben sollten? Franz Grothes „Lied vom Wirtschaftswunder“ hat jedenfalls wirklichen, auch heute noch nachvollziehbaren Biss, und Hartmut Fladts Purcell-Bearbeitung „Cold People“ ist mit seinen eiszapfenspitzen Stakkati an tränentreibender Komik nicht zu überbieten – eine tolle Satire auf heutigen Unsterblichkeitswahn, der letztlich nur tiefgekühlt zu realisieren ist. Isabel Herzfeld

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