KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Kein Schnee? Pailletten tun’s auch. Amber Schoop im Traumkleid. Foto: Robert Grischek
Kein Schnee? Pailletten tun’s auch. Amber Schoop im Traumkleid. Foto: Robert Grischek

KLASSIK

Comeback: Maxim Vengerov

und das Polish Chamber Orchestra

Er ist wieder da: Sieben Jahre war der Geiger Maxim Vengerov von der Bildfläche verschwunden, Bänderriss in der Schulter, mehrere OPs, jetzt die Comeback- Tour. In der Philharmonie spielt er die beiden letzten Violinkonzerte von Mozart. Hört man seinem Klang an, was geschehen ist? Mal scheint Vengerov die Töne zu pflücken wie saftige Äpfel vom Baum, mal geraten sie ihm burschikos, holzfällerisch, vor allem bei mehreren Aufstrichen auf gleichem Bogen. Er kultiviert keinen lieblichen, eher einen zartbitteren, trotzigen, herben Klang – Echo der Krankheit, Freude über die Rückkehr? Leider glättet er auch viele Kontraste, das berühmte Alla turca-Motiv etwa, das so schockartig und schroff ins Rondo des letzten Konzerts KV 219 gepflanzt ist, sticht kaum heraus, wird eingemeindet, schade. Das Polish Chamber Orchestra, das Vengerov dirigiert, zeigt sich wenig ehrgeizig. Mehr als einen Gazevorhang, vor dem sich der Solist als Platzhirsch aufspielt, bietet es nicht. Vengerov reitet auf dem Orchesterklang, statt aus diesem hervorzugehen.

Nach der Pause: kurze Stücke von Tschaikowsky wie „Souvenir d’un lieu cher“ op. 42. Vengerov findet hier zu einem kernigen, melancholisch angehauchten Ton, paart Virtuosität endlich mit Seele und Gefühl. Allerdings irritiert er, weil er ständig den Applaus zwischen den doch selbstständigen Stücken unterbinden will. Es macht Spaß, zu beobachten, wie selbstbewusst und entschlossen er ist. Der Jubel am Ende wirkt trotzdem übertrieben und ist wohl vor allem aufmunternd gemeint. Udo Badelt

REVUE

It’s Snowtime: „Berlin erleuchtet“

im Friedrichstadtpalast

Paula ist in Schneenot: Sie wünscht sich sehnlichst weiße Weihnachten, aber das Wetter ist mal wieder „viel zu mild für die Jahreszeit“, wie die „Tagesschau“-Sprecherin verkündet. Die Rahmenhandlung von „Berlin erleuchtet“ scheint vor langer Zeit zu spielen: In Paulas Wohnung gibt es nicht nur einen Röhrenfernseher, sondern auch noch ein Regal mit echten Büchern. Sehr nach den Achtzigerjahren sieht auch das silberfarbene Spencer-Jackett des charmanten Sängers aus, der sich DMJ nennt und Paula dorthin führen wird, wo in einer Art Bierbraukessel die Flocken gemacht werden. Mit von der Partie ist ein zotteliger Stoffhase namens Fritz, der mit rauchiger Stimme Küchenphilosophisches im urigstem Bühnenberlinerisch von sich gibt.

Der Friedrichstadtpalast hat derzeit einen so guten Lauf, dass er sich erlauben kann, zum Weihnachtsgeschäft eine Wiederaufnahme anzubieten, nämlich die 2011 herausgekommene Winterrevue „Berlin erleuchtet“. Die Leute rennen Intendant Berndt Schmidt förmlich die Tür ein. Mehr als die Hälfte der 180 000 Tickets, die bis zum 2. Februar für „Berlin erleuchtet“ im Vorverkauf sind, waren bereits zur Premiere am Sonntag weg.

Die von Roland Welke und Jürgen Nass erdachte, kindische Rahmenhandlung um die schneesüchtige Paula löst erwartungsgemäß eine ganze Lawine von hollywoodhaften Winterassoziationen aus: It’s snowtime an der Friedrichstraße! Da treffen tanzende Tannen auf Rentiere mit Endlosbeinen, da gibt es singende Christbaumkugeln und ein Engelsflügel-Defilée wie aus dem brasilianischen Karneval. Wie bei jeder Revue gilt eben auch für „Berlin erleuchtet“: Erlaubt ist alles – jenseits des guten Geschmacks.

Die Band des Hauses rockt und swingt, Amber Schoop schmettert Gospeliges in einer Traumrobe aus Federn und Pailletten, langhaarige Typen, die an Mitglieder einer Gruselrockband erinnern, schwingen ihre Peitschen. Die Girlreihe besteht aus lauter blondlockigen Sylvie-van-der- Vaart-Doubles, und wenn eine Kompanie spacig gewandeter langer Kerls die Trommeln rühren, wirkt das wie eine Aggro- Antwort auf jene klassische Nussknacker-Nummer, die jedes Jahr beim „Christmas Spectacular“ in der New Yorker Radio City Music Hall zu sehen ist.

Wer genau hinschaut, kann inmitten des kunterbunten, von Uta Loher und Conny Lüders ersonnenen Kostümrauschs ein Paar Kinderschwimmflügelchen entdecken. Und wer den Songtexten aufmerksam lauscht, hört sogar die ganz leise geäußerte Kritik am vorweihnachtlichen Konsumterror. Frederik Hanssen

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