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POP

Pathetisch: Woodkid aus Frankreich im Tempodrom

Trommel, Trommel, Wumms! Waldhörner, Posaunen, eine riesige Kirchenhalle, am Computer generiert, davor sitzen 23 Musiker des Filmorchesters Babelsberg. Endlich ist die Musik von Woodkid dort angekommen, wo sie hingehört. Nach kleinen Auftritten im Festsaal Kreuzberg und im Babylon Mitte atmet sie nun: im ausverkauften Berliner Tempodrom, wo 4000 Menschen toben, als der schmächtige Franzose mit Bart, Basecap und Sweatshirt die Bühne betritt. Woodkid, bürgerlich: Yoann Lemoine, der Hohepriester des Videospiel-Sounds, der Liebling der Reklamemusik. Unzählige Clips sind mit seinen Schnipseln unterlegt, auch jener eines Mobilfunkanbieters, der draußen Rodeoreiten im Zelt anbietet.

Drinnen ist die Stimmung erhaben. Woodkid macht Musik, die gleichzeitig wie aus der Zeit gefallen und wie für diese gemacht klingt. Trompetenintros, Orchesterarrangements wie für Kirchenchöre, Violinenteppiche, darüber immer wieder Stammestrommeln und Keyboardflächen. Dazu singt Woodkid verrätselte Lieder über Tod, Liebe und Entfremdung. Dann die Ansage: „Are there girls? Where are the guys?“ Pause, Schmunzeln. „Jungs, ich muss euch was sagen: I love you.“

Sofort geht es ins gleichnamige Lied, das Coming-out im Kathedralen-Kitsch ertränkt, von der Masse frenetisch bejubelt. Singt Lemoine nicht, dreht er sich mit dem Rücken zum Publikum, steht still, setzt mit dem nächsten Paukenschlag seinen Körper in Bewegung. Minimale Choreografie, auf den Punkt gebracht, vielleicht von seinen Erfahrungen als Videoregisseur für Lana Del Rey und Katy Perry gespeist. Gegen Ende drehen die Musiker den Sound auf, noch mehr Percussions, „Iron“, „Run Boy Run“, die Hits kullern nur so aus den Boxen. Hundert Minuten Ergriffenheit, sie enden so kraftvoll wie sie begonnen haben: mit einem Wumms! Ulf Lippitz

KLASSIK

Diabolisch: Barenboim und die Staatskapelle in der Philharmonie

Wenn überhaupt, dann kann man ihn nur musikalisch fassen, den „Teufel Amor“. Zwischen Harfenschlag und Paukenwirbel zuckt sein Schweif, Posaunen tremolieren düster, und gerade noch frohlockende Geigen stürzen haltlos in die Tiefe. Schwefliges Ächzen sickert aus Holz und Blech, von Schlagwerkkaskaden umspült. Jörg Widmanns „Teufel Amor“ fühlt sich bei seiner Berliner Premiere hörbar wohl in den Reihen der Staatskapelle. Der sinfonische Hymnos besingt die Liebe, entzündet an der einzigen Zeile eines verlorenen Schiller-Gedichts: „Süßer Amor, verweile / Im melodischen Flug.“ Für die nicht zu haltenden Glücksmomente bedient sich der Komponist klanglich ausgiebig beim Spätwerk des Kollegen Mahler. Humor hat Widmann selbst – und mit Daniel Barenboim einen nur zu gerne diabolisch taktierenden Interpreten am Pult.

Kontakt zu finsteren Mächten haben die Staatskapelle und ihr Chef gleich zu Beginn des Abends aufgenommen: Webers „Freischütz“-Ouvertüre steigt aus tiefstem Dunkel empor und entwickelt sich mit Effekten in Cinemascope und samtweichem Streicherpolster zu einem Blockbuster von fraglichem Geschmack. Bei Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert gibt es ein Wiederhören mit Guy Braunstein nach seinem Abschied von der Philharmonikern. Lässigkeit und Unruhe prägen sein Spiel – und gehen nur eine lose Verbindung mit dem Werk selbst ein, das Barenboim eher Brahms zuinterpretiert. Betörend schließlich, wie die Staatskapelle Ravels 2. „Daphnis“-Suite intoniert, auch, wenn nur wenig Entwicklung folgt.Ulrich Amling

ROCK

Verschnupft: Billy Bragg

im Heimathafen

Nach dem Soloauftritt im letzten Jahr ist Billy Bragg diesmal wieder mit Begleitern im Heimathafen. Bass, Schlagzeug, Piano/Orgel, dengelnde Rickenbacker. Mittendrin der englische Songwriter im dezenten Cowboyhemd. Sein Song „Ideology“ von 1986 dreht in melodischer und phonetischer Verwandtschaft Dylans „The chimes of freedom flashing“ witzig zu „The sound of ideologies clashing“. Die Band spielt locker und lässig. Etwas vom brillanten neuen Album „Tooth & Nails“. Rumpelig und grumpelig. Mit butterweich schmierender Pedal Steel und Kontrabass. Nur Braggs Stimme fehlt die gewohnte Ausdruckskraft. Da sagt er’s auch schon selber: ein Virus habe ihn erwischt. Wobei die angekränkelte Stimme melancholischen Countryballaden wie „Chasing Rainbows“ oder dem Woody-Guthrie-Song „I Ain't Got No Home Anymore“ eine ergreifend schöne Note verleiht. Die Fans im proppenvollen Saal helfen mit leidenschaftlichen Chören beim Singen 40 Jahre alter Songs wie „Milkman Of Human Kindness“ und „A New England“. Darüber vergisst Billy die Erkältung, erzählt lustige Geschichten, hält leidenschaftliche Plädoyers gegen den lähmenden Zynismus der Welt, gegen Neokonservatismus und Finanzspekulantentum. Und für ein gerechtes Sozialsystem, für das Engagement des Einzelnen. Eine einzigartige, zweistündige Mischung aus „Pop and politics“. Großer Jubel. H.P. Daniels

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