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Musikalisches Tagebuch:  

Jamie Bernstein im Werner-Otto-Saal

Er war ja viel mehr als der erfolgsverwöhnte, in jungen Jahren unverschämt gutaussehende Strahlemann, der selbstbewusste Dirigent, der Komponist monumentaler Symphonien und Welthits wie „Somewhere“ aus „West Side Story“. Leonard Bernstein war auch ein stiller, genauer Beobachter der Menschen, die ihn umgaben. Wie sehr, das konnte man jetzt im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses erfahren. Tochter Jamie Bernstein – sie arbeitet als Radiomoderatorin – führt mit gewitzter, reifer und raunender Altstimme in die „Anniversaries“ ein: kurze musikalische Charakterisierungen von Freunden und Weggefährten wie Aaron Copland oder Stephen Sondheim. Fast 30 davon hat ihr Vater („Lenny“) im Laufe seines Lebens geschrieben, eine höchst spezielle Form des Tagebuchs. „Ich brauche Menschen, jeden Tag, sonst werde ich schwermütig“, soll er gesagt haben, und man kann sich vorstellen, wie er abends alleine am Klavier saß und diese Skizzen zu Papier brachte. Berührend: die tiefschwarzen Klänge, die Bernstein seiner (anderen) Tochter Nina gewidmet hat. Damit – so Jamie Bernsteins These – wollte er aber eigentlich die Trauer über den Tod seiner mit 57 Jahren verstorbenen Ehefrau Felicia verarbeiten. „For Helen Coats“, der langjährigen Sekretärin und Vertrauten gewidmet, beginnt dagegen mit einem schrillen Akkord und läuft wuselig weiter.

Der Abend – ein Schmuckstück für die Bernstein-Hommage des Konzerthauses (noch bis 16. 11.) – dauert kaum eine Stunde, doch er zeigt eine intime, weithin unbekannte Seite Leonard Bernsteins. Ein bestens aufgelegter Sebastian Knauer am Klavier zeichnet die musikalischen Miniporträts subtil nach, kitzelt das Individuelle aus ihnen heraus. Bestechend: seine sorgfältig gesetzten dynamischen Akzente. Hier ein vollgriffiges Fortissimo, dort ein sinnlich hingehauchtes Piano. Am Ende meint man Bernstein leise winkend die Straßen hinuntergehen zu sehen. „In Memoriam: Ellen Goetz“ ist sein Weltabschied. Die Geehrte war keine bekannte Persönlichkeit, keine enge Freundin, und doch war sie von eminenter Wichtigkeit: Sie war ein Fan. Udo Badelt

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Ramponierter Ruf: Ein Benefizabend für die Stiftung Gute Tat 

Der Anstand verbietet es, schlecht über Benefiz-Konzerte zu schreiben, wie überhaupt es zu einfach wäre, am eigenwilligen Ton dieser Abende herumzukritteln. Außerdem wird im Kammermusiksaal für eine wirklich gute Sache geworben: Die Stiftung Gute Tat (www.gute-tat.de) bringt Ehrenamtliche als „Engel“ zu ihrer passenden Unternehmung, allein in Berlin werden hunderte Helfer für Gartenpflege, Wegbegleitung oder Übersetzungsarbeiten gesucht.

Soweit also alles in Ordnung, fehlt nur ein würdiges Konzert. Die Dresdner Kapellsolisten (Helmut Branny) spielen in diesem Sinne auch sehr schön, besonders mit dem fabelhaften Bratscher Nils Mönkemeyer in einem Konzert von Antonio Rosetti. Manchmal bietet Moderator Holger Wemhoff sogar unangeahnt lebensvolle Einblicke in die Musik. Trotzdem zeigt dieser Abend nicht nur, was superschön ist an der Klassik (Knabenchöre wie der Staats- und Domchor Berlin, Kompositionen wie Bachs große Chaconne für Geige, von Michael Barenboim fein interpretiert). Sondern auch, wie man ihr Image effizient ramponiert: Das Konzert ist mit zweieinhalb Stunden viel zu lang. Im Programm steht nichts mehr über die Werke, dafür alles über die Interpreten. Holger Wemhoff spricht die Pianistin Mona Asuka Ott vor allem auf ihr Äußeres an. Die Eheleute Mira Wang (Geige) und Jan Vogler (Violoncello) pfuschen sich durch eine von Johan Halvorsen bearbeitete Händel-Passacaglia hindurch. Klarinettist David Orlowsky muss wegen der genretypischen Verstümmelung größerer Werkeinheiten das Publikum in Sekundenbruchteilen auf ein zartes Adagio einstimmen. Für den erkrankten Max Emanuel Cencic ist Alexander Schneider gekommen, man hätte ihn ein eigenes Stück auswählen lassen sollen. Im nächsten, fünften Jahr dürfen Programm, Interpreten und Moderation gern klüger aufeinander abgestimmt sein. Christiane Tewinkel

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