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KUNST

Windig: Iñigo Manglano-Ovalle

bei der Schering-Stiftung

Pfeilschnell jagt das Objekt durch die Bilder. Sein glatter Körper hat die Eleganz einer modernen Skulptur – was nicht weiter erstaunt, weil Iñigo Manglano-Ovalle für seine Arbeit im Projektraum der Schering-Stiftung (Unter den Linden 32-34) eine Ikone von Constantin Brancusi nachgebaut hat: „L'Oiseau dans l'espace“. Der silberne, nach oben strebende „Vogel im Raum“ wurde vom Künstler allerdings waagerecht gekippt und für ein Experiment verwendet: Er steckte die Kopie in einen Windkanal bei zehnfacher Schallgeschwindigkeit, um auszuprobieren, ob der Vogel des Avantgarde-Bildhauers von 1923 tatsächlich fliegt.

Die Ergebnisse der Untersuchung füllen die Wände des Projektraums – und nun auch einen Katalog, den Manglano-Ovalle zum Finale der Schau am heutigen Samstag, 16.11., vorstellt. Es findet außerdem ein Gespräch in englischer Sprache (ab 16 Uhr) über die Arbeit statt, die aus knapp 30 nahezu identischen Blättern im kleinen Format besteht. Kaltnadelradierungen, denkt man im ersten Moment. Tatsächlich sind es Fotos aus jenem Windkanal, in dem eine Kamera in unvorstellbar kurzen Millisekunden Bilder aufnimmt, die die Schockwellen sichtbar machen. Sie zeigen ein abstraktes, dynamisches Ding, das Raum und Zeit im Flug durchquert.

Bei Manglano-Ovalle ist nicht damit zu rechnen, dass es ihm allein um Schönheit geht. 2007 machte der spanischstämmige Künstler mit seinem „Phantom Truck“ auf der Documenta in Kassel Furore: einer monströsen Arbeit, die sich auf jene angeblich mobilen, tatsächlich jedoch erfundenen Biowaffenlabors bezog, mit denen die USA 2003 ihren Feldzug gegen Saddam Hussein rechtfertigten.

Im Fall von „Bird in Space at Mach 10“ sind die assoziativen Fäden noch feiner gesponnen. Als Brancusi seine Skulptur entwickelte, begann in Europa die Erforschung der Aerodynamik – ebenfalls mit Tests von Objekten auf ihre Flugeigenschaften. Deutsche Wissenschaftler waren führend und bauten den ersten Überschallwindkanal. Vor allem, um präzisere Raketen zu entwickeln. Klar wird dann auch, woran der „Vogel im Raum“ einen erinnert. Und dass es Gänsehaut verursacht, wenn man realisiert, wie nah sich Krieg und Kunst in der Ästhetik dieser Zeit gewesen sind. Christiane Meixner

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