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KLASSIK

Das Unaussprechliche ausdrücken: Bernsteins Dritte im Konzerthaus

„Warum verschontest du mich und nicht sie, oh Herr?“, ruft Samuel Pisar im Konzerthaus, „kann ich dir deine Sünden vergeben?“ Der Holocaust-Überlebende und spätere Kennedy-Berater schrieb den Text zu Leonard Bernsteins dritter Symphonie „Kaddish“, die das Konzerthaus zum Abschluss der Bernstein-Hommage aufführt, als großes Zwiegespräch mit dem Allmächtigen. Der 84-Jährige, als Rezitator Teil der Aufführung, spricht ungelenk, aber die Authentizität dessen, der dabei gewesen ist, überstrahlt seine oratorischen Fähigkeiten. „Nachdem die Stahltüren verschlossen waren, hatten sie nur noch drei Minuten zu leben. Und fanden dennoch Stärke, in die Wand zu ritzen: vergesst niemals!“ Dies ist kein Abend für bequeme Klassikgenießer, sondern einer, der die Suche nach Erweiterungen des künstlerischen Ausdrucks für das Unaussprechliche offenbart. Das Konzerthausorchester mit Wayne Marshall findet – anders als im ersten Teil bei der zweiten Symphonie mit Benyamin Nuss am Klavier – zu einer Balance von Monumentalität und Spannung im Detail. Aufwühlend und voller vitalem Ernst: der Ernst Senff Chor, der dreimal das Kaddish-Gebet intoniert – Anrufung der Größe Gottes selbst im tiefsten Schmerz. Udo Badelt

MUSIKTHEATER

Ausgegrabene Grabungsfreude:

Die Grand Opéra „Herculanum“

Die Idee des Regieduos Johannes Müller und Philine Rinnert ist so einfach wie brillant: Schon Félicien Davids 1859 uraufgeführte Grand Opéra „Herculanum“ verdankt sich der Begeisterung über die Ausgrabungen am Vesuv. Warum also nicht auch aus der Wiederentdeckung des vergessenen Stücks eine archäologische Expedition machen? Denn dass Davids Oper ein nicht mehr vollständig zu rekonstruierendes Kunstwerk ist, wird schon durch die zum Auftakt der Aufführung in den Sophiensälen (noch einmal heute sowie vom 13. bis 15. Dezember) vorgetragene Personalliste der Pariser Opéra deutlich: Spätestens vor der Bühnenkavallerie samt Stallknechten würde auch der mutigste Intendant kapitulieren. Dann lieber gleich Bruchstücke – der Musik, der Bühnenbildentwürfe, aber auch von Kontext und Rezeption: Wilde Dramaturgenrecherchen werden in dieser gelungenen Folge musiktheatralischer Fingerübungen frech mitinszeniert. Davids Musik, für nur acht Musiker arrangiert, wird dabei keinesfalls ruiniert, ein genau gesetztes Triangelgeklingel kann den Schatten eines riesigen effektvollen Chorfinales werfen. Und dann wiederum trifft, in der schlichten Schönheit eines Liebesduetts, ein vor über hundert Jahren abgeschossener Pfeil den Betrachter jäh in Herz. Carsten Niemann

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