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KLASSIK

Wir-Gefühl: Brittens „War Requiem“ im Konzerthaus

Zusammenrücken für eines der größten Oratorien der Musikgeschichte: Fast 300 Menschen haben sich am Mittwoch im Konzerthaus versammelt, um Benjamin Brittens „War Requiem“ aufzuführen. Auf Einladung von Cantus Domus ist der North London Chorus nach Berlin gekommen, die Leiter beider Formationen betreten gemeinsam die Bühne. Ralf Sochaczewsky dirigiert die Chöre und das Konzerthausorchester, Murray Hipkin das Kammerensemble, das die männlichen Solisten begleitet. So, wie es der Komponist 1962 für den Uraufführungsort, die Kathedrale von Coventry, konzipiert hat, ist auch die Sopranistin Nicole Chevalier platziert, umrahmt von der Laiensängerschar nämlich, die sich von der Orgelempore bis weit in die Seitenränge hinein ausbreitet. Am anderen Ende des ausverkauften Saals schließlich sorgt der Berliner Mädchenchor von den letzten beiden Parkettreihen aus für vokale Fernwirkungen.

Vielschichtig wie die Besetzung ist auch die Vertonung: Die Heilsgewissheit des traditionellen lateinischen Textes wird von Versen des Pazifisten Wilfred Owens konterkariert, den Klangballungen der vokalen Massen stehen ätherische Kantilenen der Kinderstimmen gegenüber (Einstudierung: Sabine Wüsthoff), der intensive Kunstliedton des Tenors Nicky Spence und der mitleidsvoll-menschliche Baritonklang von Sebastian Noack reiben sich bewusst mit dem pathetischen Gestus vieler Chorpassagen. In der hingebungsvollen Konzentration aller Beteiligten entfaltet die Aufführung eine Sogwirkung, der sich auch jene Zuhörer kaum entziehen können, die vor allem deshalb gekommen sind, weil sie einen der Mitwirkenden kennen. Frederik Hanssen

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Wir-Ekstase: Gastspiel des

London Philharmonic Orchestra

Es ist nicht zu fassen. Rudolf Buchbinders Finger fliegen über die Tasten, eine Luftnummer mit flirrenden, wirbelnden Walzer-Pirouetten, „Soirée de Vienne“ – eine Johann-Strauss-Paraphrase. Süffig, flüchtig, schwerelos. Die Zugabe des Pianisten ist beinahe der einzige Kontrapunkt beim Gastspiel des London Philharmonic in der Philharmonie, unter Leitung von Andrés Orozco-Estrada, einem wahren Derwisch am Pult. Irgendwann möchte man dem jungen Kolumbianer zurufen: Alles super, alles perfekt, nichts gegen Enthusiasmus mit Ganzkörpereinsatz, aber warum immer das Gleiche?

Warum immer die gleiche kollektive Emphase? Warum nur den einen, makellosen, offensiven, metallisch glänzenden Tuttiklang – die bei der Nachwuchsarbeit hochengagierten Londoner spielen auch Computerspielmusik ein – und bloß eine weitere, ins Dämmerlicht zurückgenommene Variante? Warum so viel laute, hellwache, auftrumpfende Musik? Zoltán Kodálys „Tänze aus Galánta“: ein rasantes, mit Skurrilitäten gewürztes Spieluhrwerk – Tom und Jerry auf ungarisch. Edvard Griegs a-Moll-Klavierkonzert op. 16: Buchbinders Einladung zum schillernd Zweideutigen schlägt Orozco-Estrada aus. Dvoráks 7. Sinfonie: gestochen scharfes Unisono, Redundanzen und Repetitionen auch hier. So viel Tremolo, Pathos, klare Kante, wer hält das aus?

Ein famoses Orchester wird von einem Shooting-Pultstar dirigiert. Darf man da eigentlich sagen: Diesmal bleibt die ausgewählte Sinfonie unter deren Niveau? In der Klassik wird ja nie das Werk kritisiert, höchstens die Interpretation. Nur das Adagio von Griegs Klavierkonzert erinnert momenteweise daran, dass Musik neben aller Extrovertiertheit auch etwas mit Introspektion zu tun hat. Christiane Peitz

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