KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Überkomplex: Rias-Kammerchor

im Kammermusiksaal

Das Attentat auf den schwedischen König Gustav III. auf einem Maskenball des Jahres 1792 erlebte Kapellmeister Joseph Martin Kraus aus unmittelbarer Nähe. Das Ereignis hat der Komponist, den man zuletzt auch als kraftvollen Musikdramatiker wiederentdeckt hat, nur um wenige Monate überlebt. Seine dem Andenken des verehrten Monarchen gewidmete Kantate „Sorgemusik over Gustav III“ ist zugleich das Abschiedswerk des Komponisten. Kraus’ stark von der frühklassischen Empfindsamkeit geprägten, formal ungewöhnlich frei gestalteten Musik steht im Konzert des Rias-Kammerchors im Kammermusiksaal der Philharmonie Schuberts späte Messe in As- Dur gegenüber. Schuberts vorletzte Messe ist ein komplexes, stark unterschätztes Werk, in dem sich die Polyphonie der alten Meister (wie in der großen Fuge im Gloria) mit sinfonischen Konstruktionsprinzipien verbindet. Diesen Tendenzen zum Trotz lässt sich der unverwechselbar individuelle Tonfall des Komponisten, etwa in der unendlich rührenden Wechselrede von Chor und Solisten im Kyrie, jederzeit vernehmen.

Das präzise artikulierende Ensemble L’arte del Mondo, dessen Gründer Werner Ehrhardt umsichtig dirigiert, spielt auf historischen Instrumenten. Da sich die gedeckten Farben der Holzbläser wenig unterscheiden, gehen allerdings manche Nuancen von Schuberts Instrumentation (etwa im Dialog zwischen Oboe und Klarinette) verloren. Andererseits wird das vorzügliche Solistenensemble von der jungen Sopranistin Hanna Husáhr angeführt, die mühelos in den Höhen und mit kontrollierter Innigkeit singt. Und der makellos agierende Rias-Kammerchor begeistert mit Tonschönheit, Intonationssicherheit und formidabler Phrasierung. Benedikt von Bernstorff

KUNST

Untereitel: „Anonymous“

im Brandenburgischen Kunstverein
Nackt ist die Kunst auf einmal, und das steht ihr gut. Kein Name und Preisschild, keine Künstlerbiografie und kein Leihgeber lenken den Blick ab von Farben und Formen. Frisch wirken die Arbeiten im gläsernen Pavillon auf der Potsdamer Freundschaftsinsel: etwa die beiden weißen Platten, über die sich schwarze Linien schwingen. Die kleine Collage mit Staffelei und echter Leinwand und der Schreibtisch, an dessen Lampe ein auslaufender Stift hängt. Hier kommt der Besucher, ohne fürchten zu müssen, Rang und Wert einer Arbeit nicht zu begreifen – sie spielen keine Rolle. Nur über Material und Entstehungsjahr informieren kleine Karteikarten. Künstler und Sammler haben die Beiträge dem Brandenburgischen Kunstverein (bis 1. Dezember, Pavillon auf der Freundschaftsinsel, Zugang über Lange Brücke/Friedrich-Ebert-Straße, Di bis So, 12-18 Uhr) geliehen, unter der Maßgabe, dass dieser auch nach der Ausstellung „Anonymous“ die Urheberschaft nicht verrät – ähnlich wie bei den „Artists Anonymous“ in Berlin, die schon seit 2005 namenlos im Kollektiv ausstellen. In Potsdam begann die Schau Anfang September mit einem einzigen Bild. Eins nach dem anderen kamen weitere Stücke hinzu. Immer wieder wurde die Ausstellung umgehängt, und offensichtlich macht die Sache Spaß, denn nun hat der Verein die Sache verlängert. So lässt sich nun bis Anfang Dezember raten, ob diese Zeichnung und jene Bodenplastik von einem Mann oder einer Frau, vielleicht noch in Ost oder West gefertigt wurde. Ein heiter-didaktisches Spiel, gerahmt von den Herbstblumen und Springbrunnen in Karl Försters Staudengarten rings um den Pavillon. Claudia Wahjudi

KLASSIK

Zwischenlagernd: Händels „Jephta“

bei der Potsdamer Winteroper

In der Krise liegt die Chance: Das wusste schon Georg Friedrich Händel und wandte sich, nachdem sein Opernunternehmen in Schwierigkeiten geraten war, mit Erfolg dem Oratorium zu. Im Unterschied zu Händel hat die Potsdamer Winteroper (weitere Aufführungen vom 29.11. bis 1.12., 19 Uhr) nicht unter mangelndem Zuspruch zu leiden, doch ist ihr durch die Renovierung des Schlosstheaters von Sanssouci zeitweise die Spielstätte abhandengekommen.

Mit einer (gekürzten) szenischen Aufführung von Händels Oratorium „Jephta“ in die am Schloss gelegene Friedenskirche umzuziehen erweist sich als gute Idee. Das liegt auch daran, dass die Regisseurin Lydia Steier Raum und Atmosphäre zu nutzen weiß: Sie verwandelt das Kirchenschiff in den Studiensaal eines altertümlichen Colleges, in dem ein nicht ganz vertrauenswürdiger Professor kurzbehosten und ringelzöpfigen Studierenden, die als Chor zugleich das Volk Israel darstellen, die Geschichte vom moralisch fragwürdigen Sieg über die menschenopfernden Ammoniter erzählt.

Stehen bei Steier gut beobachtete Gesten und einprägsame Bilder neben einem etwas wohlfeilen Spiel mit Gruseleffekten, sind die Musiker uneingeschränkt glaubwürdig. Großen Eindruck macht Lothar Odinius als deklamationsstarker Jephta – und mit Magid El-Bushra, der mit jünglingshaft beseeltem, ausgeglichenem Alt die Rolle des Hamor übernimmt, präsentiert die Produktion eine echte Countertenor-Entdeckung. Der große stille Held des Abends ist der Dirigent Konrad Junghänel, der in Händel nicht nur einen Erzähler von alttestamtarischer Wucht, sondern auch einen überzeugten Aufklärer entdeckt. Carsten Niemann

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