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KLASSIK

Makellos: Das Artemis-Quartett

spielt Haydn, Bartók und Brahms

Wahrheit oder Schönheit, was ist wichtiger in der Musik? Die Eleganz der Melodieführung, die erlesenen klanglichen und dynamischen Nuancen, die Makellosigkeit und Intimität des Zusammenspiels, wie es das Artemis-Quartett am Montagabend im Kammermusiksaal zu Gehör bringt, all das spricht für die Schönheit. Das resolute Unisono des Capriccio-Beginns in Haydns C-Dur-Streichquartett – die Nr. 2 aus den Sonnen-Quartetten – transzendiert das Quartett alsbald ins Jenseits, badet es in Wohlgefallen, bis sich das Floskelhafte des barocken galanten Stils im duftigen Staccatogewebe der Schlussfuge auflöst. Auch die hochaggressiven UnisonoPassagen im Eingangssatz von Bartóks 5. Streichquartett unterziehen sie einem Zersetzungsprozess, heben sie auf im somnambulen Adagio, im Scherzo mit zittrig sich kräuselnder Oberfläche.

Immer wieder, auch bei Brahms’ c-MollStreichquartett op. 51 Nr.1 wird das Unerbittliche zu einem Reigen zauberhafter Vergeblichkeiten zerpflückt, verflüchtigt es sich in schwindelnder Höhe. Artemis hat einen Reifegrad erreicht, der einem Werk wie dem Brahms-Quartett eine unerhört ätherische Aura verleiht. Vollkommenes Ebenmaß, man vermisst den Schönheitsfleck.

Nervosität und Trance, Energie und Melancholie: Das Quartett betont nicht die Kontraste, sondern das Moment der Verwandlung und nimmt Brahms’ Methode der entwickelnden Variation beim Wort. Das vibratoselige Spiel der seit 2012 neuen Primgeigerin Vineta Sareika, die Anschmiegsamkeit von Gregor Sigls zweiter Geige und Friedemann Weigles Bratsche, die sanfte Autorität von Eckart Runges Cello – sie wollen nicht überreden oder gar überwältigen, sondern bleiben ganz bei sich und schmeicheln sich ein. So viel rundes, weiches Legato, so viel Behutsamkeit wie im Trio des Allegrettos, man hält den Atem an und beginnt doch, sich nach spröderen, irdischeren Tönen zu sehnen. In der früheren Besetzung, mit Natalia Prishepenkos erster Geige, riskierte das Artemis-Quartett auch härtere Gangarten. Aber vielleicht steckt in Zeiten wie diesen in der Schönheit die letzte, tiefste Wahrheit. Christiane Peitz

POP

Schnupfen und Charme:

Travis im Astra Kulturhaus

Frostige Temperaturen vor dem Astra. Drinnen aufgedrehte Hitze vom formidablen Vorgruppentrio Peter Parkers Rock ’n’ Roll Club, mit schmutzigem Themse-R&B und brillantem Keith-Richards-Geriffe. Travis, die einst so erfolgreichen Vertreter der schottischen Variante der Brit-Pop-Rückbesinnung auf Melodie und Harmoniegesang, lassen lange warten. Fünf Jahre auf ihr neues Album. Und an diesem Konzertabend bis um viertel elf. In weißem Schlabberhemd und Gärtnerhut erklärt Fran Healy, ihn habe „the world’s worst cold“ erwischt. Da er aber nicht alles absagen wollte, sollten die Fans doch bitte nachsichtig sein, wenn einige seiner Gesangstöne möglicherweise ... ähm ... „interesting“ klängen. Freundliches Gekicher im Publikum. Und Healy hat sie alle schon wieder auf seiner Seite: mitsingend, mitklatschend, mitfiebernd. Wenn der Sound sich langsam aufbaut, vom Akustikgitarrengedingel von „Mother“ ins Geflirre und Geflacker von „Selfish Jean“. Mit Healys Telecaster, Andy Dunlops fetter Les Paul, Neil Primroses Schlagzeug, Dougie Paynes mulmig matschendem Bass und einem Keyboarder im Schatten.

Das Licht wechselt von bunter Gummibärchensüße zu rot-goldener Weihnachtsdeko. Der Klang ist streckenweise wirklich … ähm … interessant. Healys Stimme schwer angeschlagen. Der liebliche Song „Driftwood“ wirkt roh und krächzig. „Wie Bonnie Tyler“, sagt er, „oder eher Tony Bieler?“ Gekicher. „The smallest roadie in the world“, Healys siebenjähriger Sohn, reicht dem Papa die Gitarren. Bis der kleine Clay mit den großen Mickymausohrschützern im Lärm zwischen den Verstärkern einschläft. „My Eyes“ klingt ziemlich verstimmt. „Closer, closer, lean on me now“, singen die Fans in wunderbarem Chor und helfen Healy immer wieder aus der Patsche. Der schafft es mit seinem umwerfenden Charme, ein Konzert, das sich wegen der widrigen Umstände einem kritischen Urteil entzieht, zu einem netten Abend zu drehen. H. P. Daniels

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