KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Springmesser und Nagelbretter: Hanni El Kathib im Magnet

Um neun wird im Magnet die Bühne eingenebelt, blauorange gefärbt und mit Lärm geflutet. Da stehen Hanni El Kathib und seine Band aus Los Angeles – wie eine Straßengang in einer Garage. Wo sie aber nicht an Autos schrauben und schweißen, sondern dickere Klangbleche dingeln, hämmern, sägen. Dass die Funken fliegen. Schwer verzerrte, lang stehende Akkorde und Einzeltöne aus Khatibs schwarzer Les Paul. Fauchende Orgel, Bass, Drums. Gefährlich riffend. Rausgeschriener Gesang. „Head In The Dirt“, der Titelsong vom neuen zweiten Album – betreut vom Black-Keys-Mann Dan Auerbach – endet in schrillem Feedback, das auch schon übergeht in die nächste Nummer mit eisernem Schmetterlingsriff: „Nobody Move“. Alle bewegen sich, keiner steht mehr still. Wüstes Pogo-Geschubse und Geschiebe im drängeligen Saal.

Khatib tänzelt wie ein Boxer, der blitzschnell unter harten Schlägen wegtaucht. Seine kurzen schwarzen Haare kleben ihm auf der schweißnassen Stirn. Stakkato-Gitarren-Attacken blitzen auf wie Springmesser. Schnappend, spitz und scharf. Als „knife-fight-music“ hatte der junge Skateboarder und US-Musiker palästinensisch-philippinischer Herkunft seine Musik einmal beschrieben. Und dass er sie für all jene spiele, auf die schon einmal geschossen worden sei, oder die von einem Zug überfahren wurden. Klingt pathetisch dramatisch, aber im Konzert hat man tatsächlich das Gefühl, von einer krachenden eisernen Soundwalze überrollt zu werden.

Dass man sich freut, wenn zwischen all den spitzen Nagelbrettern weichere Melodien den Füßen wieder Halt geben. „Dead Wrong“ mit Del-Shannon-Uuh-Huuhs. Oder „Penny“, mit schönen Erinnerungen an David Bowies „China Girl“. Bevor es wieder losbügelt mit schwerem Eisen. Alle sind geplättet in kompakten 70 Minuten. Großer Jubel, auch wenn sich Hanni El Khatib auf Platte deutlich angenehmer anhört. H. P. Daniels

KINDERTHEATER

„Prinz Primel ist verschwunden“

an der Neuköllner Oper

Das erste Drama spielt sich beim Kindertheater gewöhnlich schon ab, bevor sich der Vorhang hebt: Vorne in der ersten Reihe sitzen? („Da siehst Du besser!“) Oder etwas weiter hinten, dafür bei Mama oder Papa? Die Mutigen, die sich im Studio der Neuköllner Oper tatsächlich direkt vor die Bühne trauten, dürften ihren Schneid für ein paar Momente bereut haben, denn der böse Wolf, der im Märchenmedley „Prinz Primel ist verschwunden“ sein Unwesen treibt, ist schon mächtig unheimlich.

Man sieht zwar immer nur die Tatzen oder die Ohren hinter der Bühne hervorlugen, aber genau das macht ihn ja so wirkungsvoll. Doch zum Glück gibt es außer dem bösen Vieh auch noch die schlaue Biene Busybee und ihren Freund, den freundlichen Drachen Titus. Das schiefzähnige Monsterchen steckt zwar gerade in einer Identitätskrise, weil es leider nicht so furchterregend herüberkommt, wie es sich für einen richtigen Drachen gehört – aber um zu lernen, wie man solche Schwierigkeiten überwindet, gibt es ja schließlich Abenteuer und Märchen. Die Puppentheatertruppe der „Retrofuturisten“ (Regie: Roscha A. Säidow) lässt ihre Helden dabei die Bekanntschaft mit fast dem ganzen Personal der Gebrüder Grimm schließen. Dieses legere Spiel mit der Metaebene ist einer der Gründe, warum das Gastspiel auch für die erwachsenen Zuschauer zu einer vergnüglichen Angelegenheit wird.

Außerdem darf man sich an gutem, vielfältigem Handwerk freuen: Die Puppenspielerinnen arbeiten ebenso souverän mit Handpuppen wie mit Schattenrissen, und ihr präzises Timing schafft eine nahtlose Verbindung zu den Songs im Liedermacherton, mit denen die Musikerin Schmidt die Abenteuerreise begleitet (weitere Vorstellungen: 7./8. und 14./15. Dezember, 16 Uhr). Carsten Niemann

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