KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Ushiro Katsuhiko
Foto: Ushiro Katsuhiko

KLASSIK

Ehrliche Arbeiter: Lior Shambadal und die Berliner Symphoniker

Konkurrenz belebt das Geschäft – und die Berliner Orchesterlandschaft macht da keine Ausnahme. Kaum ein Konzert, in dem die hiesigen Klangkörper nicht ihre wachsende technische Souveränität und klangliche Brillanz beweisen. An diesem Spiel können sich die Berliner Symphoniker spätestens seit Verlust ihrer Subventionen nicht beteiligen, und so verblüfft die Begegnung mit ihnen in der Philharmonie umso mehr. Mit ihrem langjährigen Chefdirigenten Lior Shambadal zeigen sie, worauf es ankommt, jenseits aller wohlgesetzten Effekte: Anders als ihre alles könnenden Kollegen bieten sie nicht die Kulisse für dirigentische Choreografien der Eitelkeiten, sondern ehrliche, harte Orchesterarbeit.

Die Darbietung der 1. Sinfonie von Johannes Brahms ergibt so musikalische Substanz pur. In schlüssigen Tempi setzt Shambadal auf absolute Deutlichkeit, schlägt Funken aus der Partitur, ohne jemals pathetisch oder sentimental zu werden. Nur im großen Zug fehlt da manchmal die Ruhe für feinere Balance: damit die Solostellen zuverlässiger Hörner, eine schönen Oboe und der noch immer einen betörenden Ton aufbringende Konzertmeister Hans Maile noch besser zur Geltung kommen könnten. Doch insgesamt überzeugt die harte Direktheit der Musik.

In Ernest Blochs „Schelomo“ findet der Solist David Geringas den richtigen sehnig-sehnsuchtsvollen Cello-Ton, um die Klagen und Seufzer dieser „hebräischen Rhapsodie“ lebendig zu machen, deren orientalisierendes Kolorit Bassklarinette, Harfe und wirbelnde Flöten virtuos herausfordern. Die ätherischen Flageoletts des „Lohengrin“- Vorspiels bringen dafür die Streicher an ihre Grenzen – doch das ist schon ganz anderen Orchestern passiert. Isabel Herzfeld

POP

Schillernde Aura:

Tricky im Lido

Es dauert nicht lange, bis Adrian Thaws alias Tricky sein T-Shirt auszieht und mit einem für einen Mittvierziger beeindruckend drahtigen nackten Oberkörper vor dem Publikum steht. Die meiste Zeit sieht man ihn, wie er das so gerne macht, von hinten. Das wurde ihm oft als Arroganz ausgelegt, aber wahrscheinlich kommuniziert der Mann aus Bristol so einfach besser mit seiner Band. Tricky ist ja kein begnadeter Rapper, nicht mal ein Sänger ist er im Wortsinne, er sprechsingt maximal, und das auch nur, wenn er gerade Lust hat. Die eigentliche musikalische Arbeit überlässt er ganz der Band, die nur ganz selten mal den Trip Hop früher Tage anstimmt und eher klingt wie eine Crossover-Metalband vom Schlage Rage Against The Machines. Und doch zieht Tricky mit seinen raubtierhaften Bewegungen alle Aufmerksamkeit auf sich. Er ist das Medium, das allein durch seine immense Aura das Konzert im ausverkauften Lido orchestriert. Wie gebannt blickt man auf ihn, wie er sich den x-ten Joint ansteckt oder seine Haare zu den rockigen Gitarrenriffs schüttelt.

Vor beinahe 20 Jahren wurde Tricky zum Superstar des Trip Hop, um seitdem immer ungreifbarer zu werden. Galt seine Musik früher als hochgradig kaffeehaustauglich, könnte er heute auch im Vorprogramm von Motörhead bestehen. Er covert sogar deren „Ace of Spades“, zu dem er zehn Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne holt, die sich gemeinsam mit seiner Band durch den Metalklassiker rocken. Dass der Vorwurf der Arroganz bei Tricky ins Leere läuft, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Konzert gar kein Ende nehmen will. Tricky treibt seine Band immer weiter an, bis am Ende das Publikum mindestens so erschöpft wirkt wie er selbst. Andreas Hartmann

KUNST

Sei biegsam, ohne zu zerbrechen:

Ikeda Iwaos Bambuskunst

Von Natur aus kommt Bambus in Europa nicht vor. Das macht die Pflanze für uns immer noch so anziehend. Das Museum für Asiatische Kunst widmet dem japanischen Bambuskünstler Ikeda Iwao nun die Einzelausstellung „Bambus und Lack“ (bis 12. Januar 2014, Lansstraße 8, Di –Fr 10 –18, Sa und So 11 –18 Uhr, Katalog 15 €).

Sei biegsam, ohne zu zerbrechen: In Japan ist die „Bambus-Mentalität“ heute noch sprichwörtlich. Ikeda Iwao, 1940 in Tokio als Spross einer Traditionsfamilie von Bambuskünstlern geboren, ist fasziniert von der Vitalität, die sich in der Graspflanze ausdrückt. „Sie wächst so energisch, als wollte sie in den Himmel stechen“, sagt der Künstler, der Bambusrohre für seine Kleinskulpturen zerschneidet oder auch mal zerbricht. Zylindrische Gruppen entstehen, denen der Künstler mit schwarzem oder rotem Lack eine schimmernde Oberfläche verleiht.

Andere Werke entsprechen der vertikalen Ausrichtung der Pflanze, die dem Wind einen besonderen Klang zu entlocken vermag. Wie eine einsame Orgelpfeife steht ein solches, schwarz und gold gefärbtes Objekt im Teeraum der Museumssammlung. Ein passender Ort, denn Ikeda Iwao gilt als ausgewiesener Kenner der japanischen Teezeremonie, die dem Zen nahesteht. Jens Hinrichsen

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