KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Volker Lüke

POP

Musik vom Mars:

die Wooden Shijps im Berghain

Wilder Space-Rock trifft auf Feedback-Orgien, Tanzbeats, Gniedelwahn und Stammesgesänge. Das ist nicht nur einmalig, sondern auch ohne Drogen der pure Trip. Nachdem das Orchestra Of Spheres aus Neuseeland das Berghain mit seinem verdrehten Partysound vorgeheizt hat, folgt mit den Wooden Shjips aus San Francisco eine weitere Band, die sich erfreulich freizügig dabei zeigt, irgendwie zeitgenössisch oder kosmisch abgedreht zu wirken, aber auch Liebe zum Handwerk besitzt und zupacken kann. Hier Psychedelia, dort tonnenschweres Gitarrenfeedback – wenn es dem guten, bewusstseinserweiternden Zweck dient.

Dabei bringen sie es fertig, den Minimalismus von Suicide mit Neil Youngs CrazyHorse-Power zu verbinden, oder abstrusere Kombinationen zu versuchen, bis hin zu Dingen, die klingen wie auf dem Mars gefundene Doors-Stücke mit Motörhead-Lemmy, der auf LSD Friedenspfeife raucht und sich danach auf die Tanzfläche wagt. Angeführt wird die vierköpfige Band vom wuschelhaarigen Mastermind Ripley Johnson, einem, dem man endlos zuhören könnte, wenn er graubärtig die Gitarre als erhabene Lärmmaschine rettet, während sein vernuschelter Gesang aus dem großen Nichts zu kommen scheint, sanft hinweggetragen von einer zischenden Space-Orgel, hypnotischem Knupperbass und der krautrockgeschulten Klopfmotorik des Schlagzeugers. Der macht aus dem Treiben etwas Treibendes, das schönste Space-Rock-Gedröhne, seit Hawkwind ihre „Silver Machine“ abgeschaltet und sich die legendären Spacemen 3 aufgelöst haben. Volker Lüke

KLASSIK

Trompetenklang: Donald Runnicles

in der Deutschen Oper Berlin

Er scheut die Schule des Übertreibens nicht. Wenn eine Partitur in laute Fröhlichkeit führt, so kann Donald Runnicles ein mitreißender Interpret sein. Mit dem Orchester der Deutschen Oper, das ihm sehr ergeben ist, setzt er an der Bismarckstraße seinen Brahms-Zyklus fort.

Vor der zweiten Symphonie aber stehen im Konzertprogramm Gustav Mahlers Orchesterlieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Eine Enttäuschung, weil vom Text kaum ein Wort zu verstehen ist. Goethe empfiehlt, dass „dieses Büchlein in jedem Hause“ zu finden sein sollte, die Liedersammlung als romantisches Kunstwerk von Arnim und Brentano. Wie der Komponist sich die Dichtung verändernd aneignet, sollte Thema der Aufführung sein, nicht nur in dem traurigen Soldatenlied „Wo die schönen Trompeten blasen“. In der Bühnenrealität tun sie das mit leisen Quintenklängen im Orchester, und pianissimo lässt der Sänger Markus Brück ahnen, dass die „Lieb auf grüner Erden“ das Grab ist.

Der meiste Text aber versinkt zumal bei dem noch relativ eigenschaftslosen Mezzo der Französin Clémentine Margaine im Ungefähren. So auch der mit „unheimlich bewegten“ Sechzehnteln begleitete Gesang vom hungernden Kind, den Mahler nicht umsonst „Das irdische Leben“ nennt. Die Flexibilität der Tempi, die Runnicles im „Rheinlegendchen“ genießt, zeichnet auch seine Brahms-Wiedergabe aus. Penibel dirigierend heizt er die Vitalität der Musik an. Das geht ein bisschen über Stock und Stein, aber bewahrt Feinheiten – des Horns, der Oboe – im Einzelnen. Sybill Mahlke

KABARETT

Trotzig: die Hommage „Neuss 90“

im Wintergarten

Schwund ist immer, wenn einer 90 wird. Und so fehlten bei der Geburtstagshommage für Wolfgang Neuss, dem größten, 1989 viel zu früh verrauchten Pauker unter den Kabarettisten, am Dienstagabend im Wintergarten gleich drei Weggefährten: Karl Dall (Justizärger), Neuss-Dokumentarist Jürgen Miermeister (krank) und Kabarett-Historiker Volker Kühn (krank). Die von Hansjürgen Rosenbauer (wo hat der eigentlich die letzten Jahre gesteckt?) anmoderierte Künstler- und Freundesriege ließ sich davon nicht verdrießen und feierte das in Filmeinspielern anwesende Multitalent und sich selber mit erstaunlich feurigen Kabaretteinlagen. Frei nach dem trotzigen Motto: Schaut her, unsere Leichen beißen noch!

Etwa die von Werner Schneyder. Montag Trauerredner von Hildebrandt, Dienstag Hommageauftritt für Neuss in Form einer klugen Wortgirlande zu politischer Realsatire, Finanzgeschäften und Wachstumsideologie. Gut.

Noch besser – weil im Pointengewitterstil nach Neuss vorgetragen – die Presseschau von Arnulf Rating. Anekdotisch, berlinisch, rührend: die Einlagen von Frank Lüdecke, Juppy Becher und Martin Buchholz. Letztere auch Neuss-Jünger und Mäzene seiner Kifferjahre, als sich die kritische Intelligenzia Berlins gern abends zu Füßen des Kabarett-Buddhas hockte. Und dann Dieter Süverkrüp aus Düsseldorf, einst linkester der linken Barden. Zu Ehren von Neuss, dem Gefährten des legendären „Quartett 67“, hat er sich noch einmal die vor Jahren abgehängte Klampfe umgeschnallt und singt das Lied von den Unterwanderstiefeln: „Der Kryptokommunist“. Gott, war das mal subversiv. Jetzt klingt es – lieb.Gunda Bartels

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