KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KLASSIK

Paukenwirbel: Sebastian Weigle beim Orchester der Komischen Oper

Was Selbstständigkeit im sinfonischen Bereich betrifft, ist das Orchester der Komischen dem der Deutschen Oper voraus. Für die beachtliche Reihe der Konzerte an der Behrenstraße lädt man sich gern Gäste ein, die dem Chefdirigenten Henrik Nánási Konkurrenz machen dürfen. Trotz widrigen Wetters füllt das Publikum den Saal bis unter die Decke.

So begrüßt das „Opernhaus des Jahres“ zu seinem dritten Sinfoniekonzert den GMD der Oper Frankfurt, Sebastian Weigle. Zum Ereignis wird der Reichtum der Sinfonie Nr. 103 von Haydn, deren langsame Einleitung sensationell mit einem Paukenwirbel beginnt. Weigle dirigiert das mit einer Art höfischer Gestik, scheinbar leicht, um die Genialität der Musik in jedem Moment, in jeder Pause zu sich selbst kommen zu lassen. Das Andante, ein Höhepunkt Haydn’scher Variationskunst, und der ernste Grundton zeigen, dass der Weg zu Beethoven kurz ist. Zudem bedeutet die Interpretation Entdeckung des Experimentellen in dem Werk.

Bevor die Es-Dur-Akkorde der Dritten Beethovens in originalem Zusammenhang erklingen, findet im Programm ihre Verfremdung durch Reiner Bredemeyer statt, den heimatlosen Komponisten der DDR. Die „Bagatellen für B.“ (1970) changieren witzig zwischen bedeutungsschwerem und „unbedeutendem“ Klassiker, und der Letztere glänzt aus dem Klavierspiel von Matthew Toogood.

Weigle kommt als ehemaliger Hornist aus der Orchesterpraxis. So wirkt sein Dirigieren wie eine Aufforderung an die Kollegen zum Musizieren. Aus dieser unpathetischen Haltung und bei gelegentlich reduzierter Streicherbesetzung gewinnt er Raum, die Innenspannung der Partitur zu entfalten. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben