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KLASSIK

Hellwach: Roger Norrington beim Deutschen Symphonie-Orchester

Als britische Medien darüber spekulierten, ob Simon Rattle Berlin vorzeitig Richtung London verlassen werde, konstruierten sie auch ein Unbehagen am deutschen Publikum: Sie mögen unsere Musik einfach nicht! Wie falsch diese Annahme ist, beweisen die Berliner Orchester ganz nebenbei. Britische Dirigenten gehören zu den beliebtesten auf den Podien der Stadt. Weil sie neben Entdeckergeist ein Augenzwinkern mitbringen wie Sir Roger Norrington, der am Sonntag seinen Vaughan-Williams-Zyklus mit dem Deutschen Symphonie-Orchester fortsetzt.

Norringtons hellwache Gegenwart, seine Lust an der Musik, lassen noch immer an einen Tänzer denken. Der 80-Jährige und die DSO-Musiker verstehen sich intuitiv, der Bann eines standardisierten Vibrato wird als das verstanden, was er ist: eine Einladung, Musik neu zu entdecken. Brittens „Sinfonia da Requiem“ tut das gut, denn dieses vom Zweiten Weltkrieg und dem Verlust der Eltern beeinflusste Werk zielt stets auf unmittelbare Fasslichkeit. Die Neugier auf das, was kommen könnte, gelingt Norrington in der Philharmonie mit wenigen Gesten.

Noch wohler fühlt sich Sir Roger inmitten der Musiker bei Mozarts letztem Klavierkonzert, rundum zuhörend und taktierend, träumend. Mit Francesco Piemontesi hat er vor sich einen jungen Solisten von stupenden Fähigkeiten, der diese aber geschickt nach innen zu projizieren versteht. Ein Rückblick ohne Wehmut – und gerade deshalb berührend. In Vaughan Williams’ „A Pastoral Symphony“ dann hat die Landschaft ihre Unschuld verloren: Es ist die Normandie des Ersten Weltkriegs. Erschütterungen klingen nach in vier Sätzen, die Norrington als Jahreszeitenzyklus begreift. Von Ferne wehen Trompetensignale (Joachim Pliquett) und eine Sopranstimme (Anu Komsi) herüber. Mahler-Momente, ganz weit weg von „Rule Britannia“. Ulrich Amling

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