KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

POP

Melancholische Reise:

Lloyd Cole im Heimathafen Neukölln

Gute Laune sieht anders aus. Als Lloyd Cole im schwarzen Anzug die Bühne des Heimathafens betritt, hängen seine Mundwinkel nach unten wie die Lefzen eines Kampfhundes. Die graublonden Haare sind zu lang und nach hinten gekämmt. Nein, ein Tanzbär war der Brite, der seit Jahren in New York lebt, nie, dazu passt auch die spartanische Bühne: zwei Gitarren, ein Buchständer für Coles Textbuch und ein niedriger Tisch mit Wasserflaschen und Handtuch. Es dauert genau zwei Songs, bis man merkt, dass die schlechte Laune nur gespielt ist, dass Cole sich hier wohlfühlt und dies ein großartiger Abend samt melancholischer Reise in die eigene Vergangenheit wird.

Und Lloyd Cole erinnert sich gerne an alte Zeiten, an den letzten Auftritt in Berlin etwa, der an einem Ort stattfand, der wie „eine von Anarchisten besetzte Höhle“ aussah. Oder an das erste Konzert vor 30 Jahren im Metropol. Da hat der bestuhlte und ausverkaufte Heimathafen doch erheblich mehr Stil. Cole spielt sich einmal quer durch sein Repertoire, vom überraschend reifen Debüt „Rattlesnakes“ bis zum aktuellen Album „Standards“. Zwar ist er ein großartiger Gitarrist aber ebenso reduziert wie die Bühne sind auch die Arrangements: Kein Ton zu viel oder zu wenig, wenn Cole eine Ausblende simuliert, geht er einfach Schritt für Schritt vom Mikrofon zurück.

Was mit 30 Jahren Abstand auffällt: Cole war 1983 wohl ein ziemlicher Klugscheißer, gab an mit den Büchern, die er gelesen, den Filmen, die er gesehen hatte und tat so, als hätte er eine Menge Lebenserfahrung. Heute, als 52-Jährigem, steht ihm diese Attitüde viel besser. Wenn er jetzt vom alten West-Berlin singt, von „Mad“- Heften und den Geistern der Vergangenheit, dann steht ihm seine Lebensweisheit ausgesprochen gut. Lutz Göllner

KLASSIK

Lustvoller Weg: Kammerphilharmonie

mit Paavo Järvi im Konzerthaus

Wütende, geradezu unbeherrschte Forteschläge. Und dann zärtlich aus der Ferne eine sanfte Melodie der Bläser. Kann aus dem Stück noch ein stimmiges Ganzes werden, wenn der Kontrast zu Beginn von Beethovens Fidelio-Ouvertüre so scharf betont wird? Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gelingt dies, wie sich schon in dem nachfolgenden Crescendo erweist, in dem sie die Vielfalt der Emotionen geradezu stufenlos durchmessen. Bereits jetzt ist klar: Das hoch motivierte Ensemble wird mit seiner Interpretation von Beethovens Eroica einen napoleonischen Triumph im Konzerthaus auslösen.

Bei so viel Sicherheit ist es gut, dass der Abend auch ein Experiment bereithält: Mendelssohns Violinkonzert mit Viktoria Mullova als Solistin. Sowohl Paavo Järvi als auch Mullova haben sich intensiv mit der historischen Aufführungspraxis auseinandergesetzt, ohne sich ihr bedingungslos in die Arme zu werfen. Doch so ganz finden sie an diesem Abend nicht zueinander: Paavo Järvi hat noch ein paar Promille Beethoven zu viel im Blut – und Viktoria Mullova vielleicht zu viel Bach. Sie bringt differenzierte erdige Farben und einen fast kammermusikalischen Ansatz mit verzierungsartig eingesetztem Vibrato ins Spiel, besitzt aber im Kantablen wenig Präsenz. Die Violinistin reizt das dynamische Spektrum bei Weitem nicht so aus wie ihre Partner, von denen sie bei Haltetönen auch mal schlicht überdeckt wird. Vielleicht lassen sich die Gegensätze ja noch überbrücken – ein anderes Mal. Carsten Niemann

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben