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KLASSIK

Die Zeit steht still: Mitsuko Uchida

und die Berliner Philharmoniker

Das Klavier, wie man weiß, ist ein Perkussionsinstrument. Töne werden darauf an-geschlagen. Im Konzert der Pianistin Mitsuko Uchida mit Solisten der Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal wirkt das wie ein Irrtum: Uchidas Töne scheinen fließend aus dem Nichts zu kommen und wieder dahin zu entschweben, als hätten sie weder Anfang noch Ende. Die Auflösung der Zeit, wie sie der Engel in der Offenbarung des Johannes verkündet, beschwört Olivier Messiaen in seinem „Quatuor pour la fin du temps“ (Quartett für das Ende der Zeit) für Geige, Klarinette, Cello, Klavier. 1940 schrieb er es im Kriegsgefangenenlager bei Görlitz, wo es auch erstmals aufgeführt wurde.

So unerbittlich die Instrumentalisten hier apokalyptische Momente von Furcht und rabiatem Zorn auflodern lassen, so bedingungslos geben sie sich der schutzlosen und hoffnungsvollen Versenkung hin, deren Höhepunkt im mittleren Satz, der die Ewigkeit Jesu lobpreist, erreicht ist: Zum gespenstig gleichförmigen Puls im Klavier lässt Ludwig Quandt die einsame Cellostimme richtungslos, aber getragen durch den Raum irren. Die Zeit scheint still zu stehen.

Als Monument der Freundschaft, die Schönberg, Webern und Berg verband, schuf Letzterer 1925 das Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern, dessen Adagio-Mittelsatz er später für Triobesetzung bearbeitete. Diskret, flächig lässt Mitsuko Uchida hier den bewegten Klavierpart wie ein Nebelmeer verströmen, aus dem Violin- und Klarinettenstimme wie Bergspitzen emporragen. Daishin Kashimotos süffig-brillantem Geigenklang setzt Wenzel Fuchs auf der Klarinette herbe Klarheit entgegen. Die Reihenmotive, die Alban Berg den Namen der Freunde zugewiesen hatte, treten bei dieser markanten Eigenständigkeit der drei Klangpersönlichkeiten umso plastischer hervor. Barbara Eckle

PERFORMANCE

Grenzgänger: Nils Frahm,

Anne Müller und Neondance

Es ist ein aufregendes Debüt. Der Pianist und Produzent Nils Frahm und die Cellistin Anne Müller, zwei Grenzgänger der Berliner Musikszene, treffen in der Reihe „Um:laut“ im Radialsystem auf zwei Tänzer der von Adrienne Hart gegründeten Londoner Tanzcompany Neondance. Den ersten Teil des Abends bestreiten die beiden Musiker allein. Schon auf ihrem Album „7 Fingers“ bewegen sich Frahm und Müller gekonnt zwischen klassischer, elektronischer und minimalistischer Musik. Für „The Intention“ haben sie ihre Klangexperimente nun weiterentwickelt. Anne Müller produziert zunächst einen hohen Ton, der sich ins Ohr fräst, um dann mit flirrenden und zerbrechlichen Klängen gefangen zu nehmen. Nils Frahm macht sich an Orgel, Piano und Reglern zu schaffen, arbeitet mit Loops und Samples, schichtet Klänge zu einem hypnotisierenden Sound.

Doch es gibt auch ganz pure Momente, wo die minimalistischen Klavierklänge vom samtweichen Cello umspielt werden. Geradezu entrückt wirkt ihr Spiel. Wenn die Tänzer endlich auftreten, wird der Sound härter und lärmender. Mit David Lloyd und Julia Roberts bekommt der Abend wieder Bodenhaftung. Er rollt und hechtet über die Bühne, bäumt sich auf – ein gehetzter Mann, der nicht weiß, wohin er sich wenden soll. Sie mutet mit leicht mechanischem Gang zunächst wie eine aufgezogene Puppe an, wandelt sich dann zur eiskalten Replikantin. Der Mann sehnt sich nach menschlichen Kontakt – doch er jagt einer Chimäre hinterher. Immer verzweifelter rückt David Lloyd seiner Partnerin auf den Leib, doch die Frau entzieht sich. Die Tänzer begeben sich in einen ruppigen Clinch, reißen sich zu Boden, verknoten ihren Körper. Doch die Killerbiene bringt ihn am Ende mit gezielten Schlägen zur Strecke. Das Duett besitzt durchaus rasante und sinnliche Momente. Doch zum Ereignis wird der Abend durch das Duo Frahm/Müller. Sandra Luzina

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