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KLASSIK

Kontrastreich: Tugan Sokhiev und

das Deutsche Symphonie-Orchester

Ein Abend in Kugelgestalt, bei dem sich die Stücke jeweils an mehreren Punkten berühren: Da ist Berlioz’ bahnbrechende „Symphonie fantastique“ von 1830, da ist die 1845 in Paris uraufgeführte „Valse fantaisie“ von Michail Glinka, dem Begründer des russischen Nationalstils, und da ist Sergej Tanejews Chorkantate „Johannes Damascenus“ von 1884, die orthodoxen Gesang und europäische Kontrapunkttechnik verschmelzen will.

Tugan Sokhiev, der junge Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, hat das Programm zusammengestellt. Beide Sphären sind ihm vertraut, stammt er doch aus dem Kaukasus und ist auch Leiter des Orchestre de Toulouse. Verhalten nimmt er den Fantasiewalzer, als tanzten hier adlige Petersburgerinnen, die sehr auf Etikette achten müssen, während sie von Frankreich träumen. Ganz leichtfüßig verflüchtigt sich Glinkas Divertissement schließlich, un petit rien.

In größtmöglichem Kontrast beschwört ein orchestraler Hymnus nun sakrale Atmosphäre, feierlich schreitend, weihevoll. Ein Gebet aus dem Grab vertont Tanejew, aber er setzt nicht auf eine dramatische Jenseitsvision des Heiligen, sondern will objektivieren, indem er die Worte einem ganzen Chor in die Münder legt, indem er auch im Tonsatz der strengen Polyphonie den Vorzug gibt vor privater Emotion. Bravourös, wie die Sängerinnen und Sänger vom RIAS-Kammerchor den dichten Tonsatz strömen lassen, ruhig und breit wie die Wolga oder die Neva (Einstudierung: Michael Alber). Besondere hypnotische Wirkung entfaltet der zentrale A-cappella-Satz.

Vom Heiligen zum Satanischen geht der Sprung nun in der ausverkauften Philharmonie, von ikonenhafter Statik zum wild bewegten Künstlerleben in der „Symphonie fantastique“. Und tatsächlich gelingt Tugan Sokhiev Berlioz’ Finalsatz, der „Hexensabbat“, am besten: kraftvoll und lebensprall, ein Tongemälde in grellen Farben, getragen von der Virtuosität der DSO-Musiker. Wie blutleer wirkte dagegen der Beginn, ohne erkennbare Richtung in den „Träumen, Passionen“, eine unnahbare Schöne durchschwebt die „Ballszene“, bleich bleiben die Streicher in der „Szene auf dem Lande“. Erst der „Gang zum Richtplatz“ bringt die Wende: Endlich ist da ein spürbares Plus, fließt Blut durch diese Adern. Erleichterter Applaus. Frederik Hanssen

KLASSIK

Kraftstrotzend: Martin Helmchen

beim Konzerthausorchester

Wohl kaum etwas ist einer so großen Kitschgefahr ausgesetzt wie die Werke von Johannes Brahms. Was bei Mondenschein gern über den Klavierkonzerten für Zuckersoße ausgegossen wird, kann man selten ertragen. Anders beim Konzerthausorchester, das mit Martin Helmchen einen ganz aufgeklarten, zupackenden Griff auf das zweite Brahms-Opus der Gattung wagt. Helmchens Kraftmeierei wirkt hier allerdings, als müsse sich ein längst Arrivierter immer noch auf Wettbewerben beweisen. Auf einer Linie mit Helmchen liegt im Konzerthaus der australische Dirigent Nicholas Milton: Er verbietet sich zwar jede Sentimentalität, lässt dafür aber auch über so manche Feinheit hinwegspielen. Grandios bleibt immerhin im dritten Satz das Cellosolo Stefan Giglbergers.

Milton, bei dem der Schalk aus den Augen blinzelt, scheint sich auf eine Art Buffo-Dirigent festgelegt zu haben. Damit ist er allerdings bei Schostakowitschs Neunter auf dem Holzweg. Man kann diese groteske Partitur durch exquisite Arbeit an der Präzision vervollkommnen – wie das Konzerthausorchester beweist. Dessen Musiker bewegen sich derzeit auf einem herausragenden Niveau.

Die Sinfonie mag, oberflächlich betrachtet, ironisch brechen, überlegen lächeln. Aber das Brodeln unter der Oberfläche, das allenfalls in Solopassagen wie denen von Klarinettist Ralf Forster anklingt, übersieht Milton. Er missversteht diesen aus tiefster Not fatalistischen Schostakowitsch zu eindeutig. Christian Schmidt

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