KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Rasanter Wirbel: 17 Hippies

im Kesselhaus

Dichtes Gewusel im ausverkauften Saal des Kesselhauses, huschendes Gewiesel auf der Bühne vor locker gestapelter Teekisten-Kulisse: Die 17 Hippies. Doch die ersten Töne kommen erst mal von ganzen oben, leise verhalten, mühelos unplugged, von der linken Galerie: Akkordeon, Geige, Gesang. Schleichen sich ein, ganz behutsam, in Herz und Gehörgänge. Bevor sie unten lospfeffern auf dem Podium – erst zu zehnt, dann zu dreizehnt mit Schlagwerker, und wieder zu zwölft in 17-Hippies-Stammbesetzung. Dass man fast den Überblick verliert in diesem rasanten Wirbel von Musikern, wechselnden Instrumenten, knalligen Rhythmen und mitreißenden Melodien. Doch hinter all dem vermeintlich anarchischen Chaos von durcheinanderfliegenden slawischen Tänzen, mitteleuropäischer Bildungsmusik, französischem Chanson, amerikanischem Folk, südamerikanischen und karibischen Anklängen sowie deutscher Schlagerigkeit ist eine beeindruckende musikalische Ordnung und Disziplin der Akteure zu erkennen, ohne die das alles gar nicht so wirkungsvoll wäre.

Berauschend ausgefeilte Arrangements und raffiniert wechselnde Instrumentierungen der einzelnen Stücke. Brassige Bläser – Trompete, Posaune, Euphonium, Saxofon, Klarinette – mischen mexikanische Mariachi-Melodien mit Ummpah-Blasmusik, Balkan-Beat und Klezmer-Melancholie. Ein Banjo plickert metallisch perkussiv, Gitarren dengeln folkig, eine Säge singt instrumental, Hackbrett-Geplingel aus dem Bauchladen, Glockenspiel-Gedingel. Eine Bouzouki moduliert modale arabische Melodien. Die Akkordeons flirren zwischen Zydeco-Gesumpfe und Seemannsromantik. Die Geigen streichen um Gypsy-Jazz und klassische Themen herum. Und das Publikum tanzt und singt und klatscht begeistert. Über zwei Stunden großes Vergnügen zwischen den Jahren. H. P. Daniels

KLASSIK

Fiebriger Fluss: Michael Barenboim mit Natalia Pegarkova im Konzerthaus

Welche Eigenschaften Michael Barenboim auch immer von seinem Vater übernommen haben mag: das Kammermusik-Gen könnte er auch von seiner Mutter haben. Und die Liebe und Sorgfalt, mit welcher der 1985 geborene Geiger sein Talent zur intimen musikalischen Kommunikation pflegt, verleiht seinem Namen unter Liebhabern des Genres sowieso einen eigenständigen Glanz. Ehrgeizig ist das Programm, das er mit der Pianistin Natalia Pegarkova im Konzerthaus zum Besten gibt: Sowohl die Violinsonaten von Mendelssohn Bartholdy als auch jene von Edward Elgar und Claude Debussy zählen eher zu den Stiefkindern des Repertoires. Was Mendelssohn betrifft, so entdecken Barenboim und Pegarkova nicht erst in der brillanten F-Dur-Sonate von 1838, sondern schon in der weit ausschwingenden Melodik des langsamen Satzes der frühen f-Moll-Sonate den Geist des berühmten e-Moll-Violinkonzerts; den etwas zu marmorn geratenen Seufzerfiguren der schnellen Ecksätze des Frühwerks hätte es allerdings gut getan, wenn die Musiker sie plastischer und mehr aus dem Geist der historischen Aufführungspraxis des späten 18. Jahrhunderts gestaltet hätten.

Im Zentrum des Programms stehen die gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstandenen Sonaten von Elgar und Debussy. Obwohl es dem Duo gelingt, Elgars übermäßig zahlreiche Vortragsanweisungen zu beachten und trotzdem einen natürlichen Fluss zu erzeugen, hinterlässt Debussys Sonate den geschlossensten Eindruck: in ihrer fiebrigen Modernität ebenso wie in den überzeugend gestalteten Übergängen zwischen pianistischen und violinistischen Texturen. Carsten Niemann

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