• KURZ & KRITISCH: Kurzkritiken: Das Thaterstück "Taxidriver", der Kunstraum Mausoleum und die Band Alice in Chains

KURZ & KRITISCH : Kurzkritiken: Das Thaterstück "Taxidriver", der Kunstraum Mausoleum und die Band Alice in Chains

Das Theaterstück „Taxi Driver“ ist eine lokale Neuköllner Episodengeschichte, die Installationen zu Tod und Erinnerungskultur passen gut auf den Matthäusfriedhof und die Rockband Alice in Chains scheint mit ihrem vollen und schmutzigen Sound wieder eine Zukunft zu haben.

THEATER

Bebrillt: „Taxi Driver“ im Heimathafen Neukölln


Wie filmt man eine große Stadt? Am besten von der Straße aus, wie Martin Scorsese 1976 in „Taxi Driver“: Lange nächtliche Schichten, zurückgewiesene Liebe, die Prostituierten auf den Straßen Manhattans, der Regen, das Sperma der Kunden auf seiner Rückbank lassen aus einem jungen, einsamen Taxifahrer einen Menschenhasser und Attentäter werden. Das muss doch auch für die Bühne funktionieren – mag sich Regisseurin Nicole Oder gedacht haben, die am Heimathafen Neukölln bereits mit „Arabboy“ die migrantische Gegenwart von Berlins geliebtem und gehassten Problembezirk inszeniert hat. Ihr neues, poetischeres Stück „Taxi Driver“ ist eine konsequent lokale Neuköllner Episodengeschichte im Geiste von Scorsese oder Jim Jarmuschs „Night on Earth“. Martin Molitor läuft als „Holger aus Braunschweig“ nach Berlin, wo er Taxi fährt und Neukölln von der Asphaltseite her kennenlernt („Was guckst du? Fick’ deine Mutter!“).

Ähnlichkeiten mit dem jungen Robert De Niro sollte man nicht erwarten. Dieser Holger ist 39, trägt Glatze, Brille und ein psychedelisches T-Shirt. Seine überzeugendsten Momente hat er beim Zusehen, im Abwarten – ein großes Kind in großer Stadt. Wie schon in „Arabboy“ übernehmen zwei weitere Darsteller (Annette Borchardt und Jonathan Prösler) sämtliche andere Rollen und geben ihr Bestes, die zu große Distanz zwischen Bühne und Zuschauerreihen im neu gestalteten Saalbau physisch zu überspielen. Leider lässt sich die Inszenierung am Ende nicht genug Zeit. Die Wandlung des Protagonisten zum Gewaltmenschen wirkt überhastet. Das hat Scorsese besser hingekriegt. (Karl-Marx-Str. 141, bis 11.8. und 22. u. 23.8., 21 Uhr). (Udo Badelt)

KUNST

Kühl: Der Kunstraum Mausoleum auf dem Matthäusfriedhof

Von außen halten die mächtigen Mausoleen auf Distanz. Im Innern, wo die Särge in den Boden eingelassen sind, herrscht berührende Privatheit. Die sieben Künstler, die sich Grabstätten auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg ausgesucht haben, hätten keine intimeren Orte für ihre Installationen zu Tod und Erinnerungskultur wählen können. Besucher des Projekts „Kunstraum Mausoleum“ wandeln von Portal zu Portal, ertasten die sich organisch anfühlende und dennoch seltsam kühle Skulptur von Line Claudius, lassen sich von der mathematisch errechneten Sinuston-Klanginstallation des Medienkünstlers Baruch Gottlieb zerstreuen oder entdecken in den Porträts der Fotografin Kerstin Brümmer Spuren des Alterns (bis 20. September, Mo-Fr 16 Uhr, Sa/So 14 u. 16 Uhr, Großgörschenstr. 12-14).

Dem Mausoleum der Familie Herrmann und Riese hat die in Berlin und Seoul lebende Künstlerin Jinran Kim einen hölzernen buddhistischen Tempel mit einer etwa drei Meter langen Treppenanlage eingepflanzt. An den Wänden hängen acht Matratzen. Es sind Sterbebetten einer Königin, Geisha oder Sängerin. Die darauf zu erkennenden Flecken sind letzte Spuren des Lebens. Matratzen sind für Jinran Kim ein Inbegriff für Geborgenheit. Dort, wo man sich ausruhen kann, sei auch das Zuhause. Den Gedanken an eine letzte Ruhestätte entwickelt sie so weiter. (Anna Pataczek)

ROCK

Schmutzig: Alice in Chains im Columbia Club

Um die Band aus Seattle, die neben Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden zu den Hauptakteuren des Grunge gehörte, war es ruhig geworden. Im Jahr 2002, auf den Tag genau acht Jahre nach Kurt Cobain, war ihr Sänger Layne Staley an einer Überdosis Heroin gestorben. Mit neuem Mann am Mikro, William DuVall, melden sich Alice in Chains nun zurück. DuVall tut gut daran, Staley gar nicht erst kopieren zu wollen. Seine Stimme erinnert eher an den ehemaligen Soundgarden-Sänger Chris Cornell. Die Band selbst scheint trotz der jahrelangen Pause eingespielt zu sein, der Sound ist voll und schmutzig. Leise Töne werden nur beim halbakustischen „Nutshell“ angestimmt.

Es dominieren die alte Sachen aus den Neunzigern: „Them Bones“, „Man in the Box“ oder „Again“. Doch drei neue Stücke gaben einen Vorgeschmack auf das im September erscheinende Album „Black Gives Way to Blue“. Songs wie „A Looking in View“ zeigen, dass Alice in Chains dort weiter anknüpfen, wo sie aufgehört haben: düstere Riffs, melodiöser, teils zweistimmiger Gesang. Die neue Besetzung funktioniert wunderbar, Alice in Chains scheinen wieder eine Zukunft zu haben. (Lars Weber)

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