Kurz & Kritisch : Liebeslieder, Pop und Fotografie in der Stadt

Kurz kritisiert: Oldies für alle - Gustav Peter Wöhler in der Bar jeder Vernunft. Falsettgesang und lange Beine - Mika in der Passionskirche und Geheime Schätze - Sinje Dillenkofer in der Villa Oppenheim.

LIEBESLIEDER

Oldies für alle: Gustav Peter Wöhler

in der Bar jeder Vernunft

Das muss man sich erst mal trauen: Mit Elton John und Billy Joel anfangen und sich dann langsam steigern, was den Schnulzenfaktor betrifft. „Norwegian Wood“. Udo Lindenbergs „Cello“-Spielerin. Cindy Laupers „Time After Time“, und zum Schluss „Strawberry Fields Forever“. Lauter olle Kamellen, Retro-Balladen und Blues-Oldies, ein Abend für Liebeskranke. Wenn Gustav Peter Wöhler, der kleine, dicke Mann aus Hamburg, „Lieder für Herz und Seele“ in der Bar jeder Vernunft präsentiert, wird daraus trotzdem kein Kitsch. Da steht er, hemdsärmelig, mit flatternden Händen – oder auch mit sexy Hüftschwung eine Säule umtänzelnd –, und kann nicht anders: schmetternd, schmachtend, seufzend. Und da ist bei aller Inbrunst immer auch die typisch Wöhler’sche Prise Selbstironie, eine sublime Note Anarchie (man kennt sie spätestens seit seinem Auftritt in Doris Dörries Japan-Komödie „Erleuchtung garantiert“). Bei „Girl“ von den Beatles zieht er die Luft durch die Zähne, changiert zwischen Männer- und Frauenliebe, übertreibt eine Spur. Oder er karikiert umgekehrt die Kunst des Understatements, wenn er die Manierismen seiner Zeilenenden kultiviert, die verlängerten Zischlaute, die gedehnten Konsonanten, all die hingehauchten Ahs und Ohs. Kai Fischer am Klavier ruft den Sänger zur Raison (vergeblich natürlich), dimmt das Pathos zur Kammermusik herunter, um gleich darauf großes Improvisationstheater zu veranstalten. Feine Arbeitsteilung, prima Kombi.

Gustav Peter Wöhler entkernt die Oldies und lädt sie frisch auf, mit linkisch-natürlicher Eleganz und grundstürzender Ehrlichkeit, mit Charme und Nonchalance. „And since we’re only here for a while / we might as well show some style“, empfiehlt er mit den Worten James Taylors. Guter Rat für Krisenzeiten (noch einmal am 8. Juni, 20 Uhr). Christiane Peitz

POP

Falsettgesang und lange Beine: Mika in der Passionskirche

Wie viele dort gastierende Musiker begeistert sich der britische Teenieschwarm Mika an der feierlichen Atmosphäre der Passionskirche und fordert das Publikum immer wieder zum Mitsingen auf. Doch seine Fans scheinen erst mal verdauen zu müssen, ihrem Idol so nahe zu sein: Der Auftritt ist ein Unplugged-Probelauf, ehe im Herbst die reguläre Hallentournee folgen wird.

Der 25-jährige Sänger wirkt wie eine Storchenausgabe des norwegischen Eurovisions-Siegers Alexander Rybak: ein gnadenloser Charmeur, der seine langen Beine kaum unter Kontrolle bekommt. Sein exaltierter Gesang hat vor zwei Jahren die Frage aufgeworfen, ob dies die aufregendste Popstimme seit Freddie Mercury oder aufgeblasene Effekthascherei sei. Zumindest das Publikum hat sie eindeutig beantwortet: Sein Debütalbum „Life in Cartoon Motion“ verkaufte sich fünf Millionen mal, Mika trat quasi die Nachfolge des abgetauchten Robbie Williams an.

Mit der vierköpfigen Tourband muss er den Operetten-Pop abspecken, was manchen Songs zum Vorteil gereicht: Wirkt sein Superhit „Grace Kelly“ noch etwas verstolpert, so offenbaren „Stuck in the Middle“ oder „Billy Brown“ in entschlackter Form noch mehr Hitpotenzial. Bei Mikas laszivem Geräkel auf dem Konzertflügel hält es keinen mehr auf den Sitzbänken. Jetzt wird jeder Refrain aus hunderten Kehlen mitgesungen, sein langgezogenes Falsett in der Feuerzeugballade „Happy Ending“ löst spitze Entzückensschreie aus. Nach einer guten Stunde verhindert wohl nur der Respekt vor der Würde des Kirchenraums eine Bühnenerstürmung.

Doch Mika weiß, was sich gehört: Er kommt zurück und glänzt mit einer intensiven Solo-Piano-Version von „Grace Kelly“. Queen-Gitarrist Brian May ist sowieso Mika-Fan. Vermutlich wäre auch Freddie Mercury stolz auf ihn. Jörg Wunder

FOTOGRAFIE

Geheime Schätze: Sinje Dillenkofer in der Villa Oppenheim

Das Unvollständige ist meist nicht das Schöne. Außer es sind Bilder der Fotografin Sinje Dillenkofer. Die sind perfekt, gerade weil ihnen etwas fehlt. Für ihre Reihe „Cases“ in der Villa Oppenheim (Schloßstraße 55, Charlottenburg, Mo bis Sa 10–17, So 11–17 Uhr) hat Dillenkofer Etuis und Koffer fotografiert, in denen einst Schmuck, Service oder Operationsbesteck aufbewahrt wurden.

Die Gegenstände sind jedoch weg – und auch wieder nicht: Denn sie haben ihre Spuren hinterlassen, als sanfte Abdrücke im weichen Stoff oder als scharfe Umrisse in gesägte, passgenaue Aussparungen. Beglückend ist allein schon, dass die Künstlerin in diesen nostalgischen, mit Seide, Bordüren und Metallbeschlägen ausgestatteten Alltagsgegenständen einen noch höheren ästhetischen Wert entdeckt. Strenge Draufsichten verfremden die Futterale zu grafischen Mustern einer abstrakten Malerei, zu grün-blauen Satellitenbildern oder jenen Kreidezeichnungen, wie sie – jeder „Tatort“-Gucker weiß das – die Spurensicherung an Tatorten hinterlässt.

Auf der einen Seite bildet Dillenkofer platzsparende Funktionalität ab. Die Form folgt dem Design. Auf der anderen Seite entdeckt sie genau darin Organisches: Schlitze, in denen vormals vielleicht Besteck klemmte, sehen aus wie offene Wunden. Klemmen in Reih und Glied ähneln einer Wirbelsäule. Gibt es Geheimnisvolleres als verschlossene, alte Schatzkisten? Ja. Geöffnete, leere (bis 5. Juli). Anna Pataczek

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