KURZ & KRITISCH : Shout Out Louds spielen im Lido

Annabelle SeubertD D

ROCK

Startklar: Shout Out Louds spielen im Lido

Die nehmen bestimmt keine Drogen. Da können die Shout Out Louds auf ihrer neuen Single „Walls“ noch so oft von Alkohol und Pillen trällern. Auf der Bühne greift Sänger Adam Olenius höchstens zur Bierflasche. Um daraufhin zu versichern, wie nervös die schwedische Band ist. Schließlich spielen die fünf Stockholmer zum ersten Mal aus ihrem Album „Work“, das im Februar erscheint. Und zwar bewusst in der deutschen Hauptstadt. „Wir haben euch ausgesucht“, haucht Olenius, wobei sein letztes Wort in tosendem Applaus untergeht.

Also kein Grund zur Besorgnis: Die Berliner Herzen sackt die Truppe bereits ein, als das erste Stück anklingt. Trommelwirbel, Tambourinschläge, und die beiden Gitarristen ziehen und zupfen so lange an den Saiten, bis der Refrain von „1999“ endlich genug Anlauf hat. Dann erst können alle zusammen die Startbahn verlassen. Ein solches Flughafengefühl stellte sich schon bei „The Comeback“ auf ihrem Debütalbum ein. Mit ihrer dritten Platte beweisen die Shout Out Louds einmal mehr, dass sie das Zeug zum Abheben haben. Und wenn der Schlagzeuger mal zu wild auf seine Drums einhämmert, sorgen die lieblichen Klänge der blonden Keyboarderin wieder für Harmonie. Passend dazu stehen ihre männlichen Kollegen dann da wie kleine Schäfchen, in ihren sauberen Hemden, und strahlen: „Ihr seid alle gekommen, um unser neues Album anzuhören!“ Was bleibt da anderes, als sie mit den Worten ihres eigenen Klassikers zu bitten: „Won’t you please please please come back to me?“ Das tun sie. Im Frühjahr. Bis dahin.Annabelle Seubert



KUNST

Fahrbereit: Brücken-Holzschnitte im Museum für Asiatische Kunst

Lastkräne bohren sich in die nebelfeuchte Luft. Stahlträger schweben auf und ab. Sogar Schiffe wirken winzig im Vergleich zum kolossalen Bauwerk. Das „Loblied vom langen Regenbogen“, die Kollektivarbeit von fünf chinesischen Künstlern, verherrlicht den Bau der großen Brücke über den Yangtze. Die siebenteilige, in der aufwendigen Technik des Wasserfarben-Holzschnitts zwischen 1972 und 1974 gefertigte Serie ist jetzt im Museum für Asiatische Kunst zu sehen (Dahlem, Lansstraße 8, bis 17. 1., Di–Fr 10–18, Sa u. So 11–18 Uhr).

Dramatische Zentralperspektiven und feinste Farbverläufe suggerieren extreme Tiefe. Kunstfertigkeit und Nationalstolz verbinden sich in der Serie. Die 6772 Meter lange, 1960 bis 1968 erbaute Brücke war immerhin das erste Großprojekt, das – nach dem Bruch mit der Sowjetunion – ohne ausländische Hilfe vollendet werden konnte. Es gilt als wahrscheinlich, dass wenigstens ein Teil der Künstler den Bau der Brücke mit Skizzenbüchern begleitet hat. Der bekannteste von ihnen ist Huang Pimo, der 2006 zu einer der „Zehn großen Persönlichkeiten in der Kultur“ der Stadt Najing gekürt wurde. Er und seine Kollegen haben alles darangesetzt, die atemberaubende Ingenieursleistung als Sieg des Menschen über die Natur zu verklären. Auf raffinierte Weise wird mit einem stets angeschnittenen Vordergrund suggeriert, es sei unmöglich, die wahre Dimension des Projekts in einem Blick zu erfassen. „Den Siegesmarsch auf dem revolutionären Weg des Vorsitzenden Mao fortsetzen“, steht auf einem der Banner, die auf den Bildern geschwenkt werden. Auf den Unikaten im Museum sind die Aufschriften allerdings übermalt. Eine Export-Fassung? Jens Hinrichsen

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