KURZ  &  KRITISCH : Tindersticks, Kirsten Klöckner und Bruno Mars

Von Schlafwandlern, Raumsonden und Kreischen vor Glück: Die Tindersticks, Kirsten Klöckner und Bruno Mars in Berlin.

von und H.P. Daniels, Anna Pataczek

POP

Halbschlafwandler:

die Tindersticks im Admiralspalast

Heilige Theateratmosphäre im ausverkauften Admiralspalast. Dunkel und ganz still. Auf der Bühne ein stehender Orgelton und ein sitzender Stuart A. Staples. Sein Bariton weht übers Auditorium, regnet aus einer grauen Wolke, tröpfelt durch die Gedanken. „Tricklin’ through my mind / It quickens or decides to slow … It’s growing all the time“. Das Schlagzeug macht Tick-Tick-Tick-Tick. Und plötzlich ist da „Marseilles Sunshine“. Strahlt mit Trompete, Violine, Cello, zwei Tastaturen, sparsamem Bass. Brillanter Sound, feine Arrangements. Makellos.

Und „A Night So Still“, so ruhig, so dunkel, dass man genau hinhören muss, genau hinschauen, um alles zu erkennen: dass die Tindersticks inzwischen zu acht sind. Neil Fraser spielt schläfrige Skalen auf seiner Linkshänder-Gitarre. Staples bläst Melodica, schüttelt einen Schellenkranz, klackert mit Hölzchen, wechselt von elektrischer zu akustischer Gitarre. Singt sich von einem sehr langsamen Walzer über Halbschlafwandeln zum ersten Höhepunkt: „Dancing“. Mehr Glanz nach der Pause, „Sometimes It Hurts“, mehr Licht, mehr Klarheit. Mehr Kraft, mehr Dynamik bei einer exquisiten Werkschau der wechselhaften 20-jährigen Historie der Band aus Nottingham. Und Staples, dem durch Manierismen in Mimik und Phrasing die Darstellung des Schmerzensmannes früher mitunter zur pathetischen Pose entglitten ist, wahrt heute eine sichere Balance im Ausdruck zwischen melancholischem Nebel und harmonischer Klarheit. Triumphaler Auftritt. H. P. Daniels

KUNST

Freibeuterin: Kirsten Klöckner

in der Akademie der Künste

Das bekannteste Objekt der Berliner Malerin Kirsten Klöckner ist der „Glashammer“. Er ist bestimmungs- und nutzlos, ähnlich wie die zehntausend Bilder offizieller Kunst der DDR, die in der brandenburgischen Burg Beeskow eingelagert sind. Sie stammen aus öffentlichen Gebäuden und werden hier gestapelt aufbewahrt. Aus diesem Archiv hat sich Klöckner bedient und motivische Details oder Strukturen herausgezoomt. In der Bilderserie „Beutekunst I“, die in der Akademie der Künste ausgestellt ist (Hanseatenweg 10, bis 3. 11., Di–So 11–19 Uhr), bleibt von der „Obsternte“ eines Bruno Bernitz nur der Blick in den Kirschbaum mit Leiter übrig. Der Tanker von Siegfried Korth wird frei assoziiert zur verunglückten Costa Concordia. Ein frühes Werk Neo Rauchs, das bei den Oberen nicht gut ankam, weil darin Kritik versteckt war, reduziert die Künstlerin auf eine rot-weiße Absperrung. Bei Rauch hatte diese sinnbildlich den Weg in den Westen verstellt.

Klöckner setzt sich mit dieser Botschaft zwar auseinander, ist aber weit davon entfernt, bewertet die Staatskunst nicht – weder moralisch noch historisch. Sie wirft ihren eigenen, unbekümmerten Blick darauf, ideologiefrei, spielerisch. So funktionieren auch die Porträts ihrer Musen, das Folgeprojekt „Beutekunst II“, auf denen keine Gesichter zu sehen sind. Stattdessen Panda-Bären, Sterne oder Münzen. Attribute, die den Personen möglicherweise näherkommen als ein Aquarell von Augen, Nase, Mund. Anna Pataczek

POP

Kreischend vor Glück:

Bruno Mars in der O2 World

Sechs Millionen verkaufte Alben, 40 Millionen Singles – erstaunlich, was der schmächtige Grammy-Preis-Gewinner Bruno Mars aus sich herausholt. Die Vorbilder des jungen Bruno sollen Elvis, Michael Jackson und Prince gewesen sein, bevor er auf der Highschool die Beatles, The Police und Led Zeppelin entdeckte. Wie schlüssig das musikalische Konzept des 28-jährigen Hawaiianers auch sein mag, mit seiner achtköpfigen Band und der Mischung aus Disco-Funk, Soul, Rock ’n’ Roll begeistert er über 10 000 Menschen in der ausverkauften O2 World. Panamahut, Goldkettchen, Hüftewackeln, treibende Rhythmen, Songs aus dem zweiten Album „Unorthodox Jukebox“. Naive Freude am Pop. Einmal singt er „Ich liebe dich“. Mädchen kreischen vor Glück. Es gibt doch diese Datenplatten mit Bild- und Audio-Informationen, die ins All geschickt werden, damit intelligente Lebensformen von der Menschheit und ihrer Position im Universum erfahren können. Bruno Mars muss daraufgepresst werden. Markus Ehrenberg

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar