KURZ & KRITISCH : Ziemlich mutig

Holder Knabe: Philippe Jaroussky singt Barockes im Konzerthaus.

Jörg Königsdorf

Ziemlich mutig, was Philippe Jaroussky da mit seinem Recitalprogramm wagt. Den Hits des Barockopern-Großmeisters Händel ausgerechnet Arien aus den nahezu vergessenen Opern Johann Christian Bachs gegenüberzustellen, verrät eine ganze Menge Vertrauen in die musikdramatischen Fähigkeiten des jüngsten Bach-Sohns. Das hat Jaroussky, und noch mehr: Seine aktuelle CD hat der Franzose ganz mit Johann-Christian-Arien gefüllt (siehe Tagesspiegel vom 22.11.). Nun also der Härtetest im Konzerthaus: Ohne Anbindung an eine Bühnenhandlung, vor einem Publikum, das aus dem lausigen Programmheft des Veranstalters DEAG nicht das Geringste über die Werke erfährt, müssen die Opernszenen hier als pure Musik überzeugen.

Was zunächst nicht so ganz gelingen will. Gegenüber der packenden Direktheit einer Händel-Arie wie „Stille amare“ mit ihrer knappen Staccato-Begleitung kommen die Bach-Arien nicht wirklich in Fahrt – seltsam kraftlos erscheint diese Musik, die immer wieder neue dramatische Anläufe nimmt, um die aufgestaute Kraft dann in üppigen Verzierungen zu verzetteln. Und das, obwohl sich Jaroussky bei diesen zartbesaiteten Rokoko- Helden hörbar wohler fühlt als bei ihren Barock-Vorgängern und ihm das Concerto Köln immer wieder mit rhetorischer Inbrunst unter die Arme greift.

Die Arie aus Händels „Alcina“ etwa, die den ersten Teil beendet, zeigt die Grenzen, die seiner Stimme gesetzt sind. Die tieferen Töne für die reiferen Gefühle hat er noch nicht, die martialischen Triumphgesten kräht er wie ein Knabe, der mit seinem Holzschwert Krieg spielen will. Jarousskys Stimme ist nun mal die des großen Jungen, der alles zum ersten Mal zu erleben scheint: die tiefe Enttäuschung von Händels Ariodante im berühmten „Scherza, infida“, wo seine fantasievollen Verzierungen tatsächlich alles Kunstvolle verlieren und wie ganz spontane Seelenregungen wirken. Oder auch das „Cara, la dolce fiamma“, mit dem Jaroussky seinen großen Johann- Christian-Trumpf ausspielt. Wenn in den wunderbaren Endlosschleifen dieser Liebeserklärung die Zeit angehalten wird und Jarousskys schlackenloser Countertenor riesige Herzen in die Luft zu malen scheint, glaubt man ihm tatsächlich, dass dieser Johann Christian ein ganz Großer war. Jörg Königsdorf

ROCK

Tolles Trio: Yo La Tengo

heizen den Fans im Astra ein

Das Schöne an Konzerten von Yo La Tengo, dem Trio aus Hoboken, New Jersey: Man weiß nie vorher, welche Songs sie spielen, und vor allem, wie sie sie spielen: hart krachend elektrisch oder eher verhalten akustisch? Beim Soundcheck im Astra waren sie melodiös und zurückhaltend. Die erste angenehme Überraschung ist das Vorprogramm: Wreckless Eric und Amy Rigby gewinnen mit ihrem brillanten Duo-Set eine Menge neuer Freunde.

Dann Yo La Tengo: von wegen verhalten und ruhig. Ira Kaplan dreht voll auf, dass es zischt in Höllenlautstärke, quietscht und blubbert. Ein sturer Bass von James McNew setzt ein und filzig geklöppeltes Schlagzeug von Kaplans Frau Georgia Hubley. Ira greift sich seine zerholzte rote Fender Jazzmaster und lässt die Verstärker krachen, sägt und zimmert eine massive Lärmwand hinter weichem Harmoniegesang. Auf der anderen Bühnenseite zaubert er zartere Töne aus einer zerfledderten Farfisa-Orgel. Ein Moment melodiöser Ruhe, bevor er auf einer weiteren Orgel heftig kakofoniert, sich anschließend mit der Stromgitarre in den verzerrten Klangstrom wirft.

Gebogene Töne zum gebogenen Körper, Buckelsounds. Es wird unerwartet ruhig und zart, wenn Georgia vom Schlagzeug nach vorne kommt, akustische Gitarre spielt, singt, und klingt wie Nico bei Velvet Underground. Die meisten Songs stammen vom neuen Album „Popular Songs“, doch sind Yo La Tengo im Konzert immer ganz anders als auf Platte. Sie spielen sich in eine traumhaft hypnotische Schläfrigkeit. Dann der brutale Wecker: verzerrtes Gepunke, wüstes Geschrei. „Gentle Hour“ ist Industrielärm aus einer monströsen Werkhalle, Geschrappe und Geschramme zu einer pulsierenden Sirene. „Nothing To Hide“ kommt wieder frisch, fröhlich, melodisch. Wie durchgeknallte Beach Boys. Vom gischtenden Wellengipfel schmiert das Gitarrenbrett ab, strudelt in elektronisches Ertrinken. Minutenlanger Überlebenskampf, bis der Bass zur Rettung alles wieder nach oben zieht, zur finalen Ekstase. Kaplan fliegen dicke Schweißtropfen von der Stirn. Schwer verausgabt. Alles gegeben. Dennoch reicht die Kraft noch für eine leidenschaftliche Version von „Disguises“, einem obskuren Song der Who von 1965. Yo La Tengo sind immer gut für Überraschungen. Immer gut. H. P. Daniels

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