Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Junge Hoffnung

mit Stahl in den Fingern

Die Gotthard-Schierse-Stiftung zur Förderung junger Musiker nutzt das musikalische Sommerloch für sechs Konzerte im Musikinstrumentenmuseum – und findet reichlich Publikum. Das dritte Konzert bestritt die gerade 21-jährige Olga Scheps. Geboren in Moskau, lebt sie seit 1992 in Deutschland und ist unter anderem Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ihren fulminanten Auftritt im ausverkauften Saal startete sie mit Rachmaninows Corelli-Variationen. Das Stück kippt das berühmte barocke Folia-Thema ungeniert in den spätromantischen Mixer, heraus spritzen aberwitzige harmonische Brechungen. Ein Effektstück? Sicher, aber nicht ohne Unterhaltungswert, und mit stupender Technik vorgetragen. Die junge Dame hat Stahl in den Fingern, was dem Klang an diesem Sonntagmorgen allerdings nicht immer guttut. Denn Flügel und Raumakustik sind leider recht hart, so richtig schön klingen erst die ruhigen Passagen aus Chopins dritter Sonate, die das Programm beschließt. Mit zwei beschwingten Zugaben weiß die Scheps das Publikum dann noch zu verzaubern. Aber bei aller Begeisterung: Die schiere Zahl hochbegabter Nachwuchspianisten, die so früh schon alles zu können scheinen, macht auch ratlos. Wann und wo werden die mal ihr künstlerisches Profil finden? Und vor allem: Was bewegt so viele junge Musiker aus Osteuropa und Asien dazu, Kindheit und Jugend der europäischen Virtuosenmusik des 19. Jahrhunderts zu opfern? Ulrich Pollmann

ROCK

Gealterte Coolness

mit Whiskey im Blut

Beim Konzert einer der angesehensten Kneipenrock-Bands Australiens zeigen sich lauter alte Gesichter, was einen daran erinnert, dass die Beasts of Bourbon vor siebzehn Jahren mal die heiße Sache waren – und nun der letzte Nachhall einer untergegangenen Ära sind. Bei ihrem Comeback-Auftritt im Columbiaclub präsentieren sich die Beasts so sauer und scharf, als hätten sie die letzten zehn Jahre in Fässchen mit Salzlake gegoren. Echte White-Trash-Coolness, der es nichts ausmacht, dass diese Band die Hälfte ihrer Stücke von Captain Beefheart und den Stooges geklaut hat. Im Mittelpunkt steht dabei der noch immer ziemlich gemein aussehende Tex Perkins, der sich längst auch solo und mit The Cruel Sea den Rang eines erfolgreichen Lungentiers erspielt hat. Eine Stimme wie eine Badewanne voller Whisky, dieses Kratzen, das dem Hals entsteigt und dann unvermittelt in ein monumentales Knirschen übergeht, während Spencer Jones und Charlie Owen mit der gleichen Souveränität, mit der andere Leute Foster-Bierdosen aufreißen, feierlich krachende Blues-Riffs aus ihren Gitarren schütteln. Zusammen mit dem Bass- und Schlagzeugbiest haben sie ihre Anleihen aus Country, Jazz und Funk fest im Griff. Kein Ton wird verschwendet, wie auch kein Schluck aus dem Glas verschwendet würde – von „The Low Road“ über „I Don’t Care About Nothing Anymore“ vom aktuellen Album „Little Animals“ bis zu „Hard For You“ als Höhepunkt zum Mitgröhlen und der Psycho-Killer-Ballade „The Hate Inside“ als Zugabe. Dabei kommt zum Tragen, was diese Band immer ausgezeichnet hat: delikate Stumpfheit und erhabene Sinnlosigkeit, eingerahmt von Proll-Gesten und gemütlich besoffenem Hinterhof-Loser-Gehabe, das nur die Lust an der eigenen Einzigartigkeit und dem hart erarbeiteten Rockertum ausleben will. Schwitziges Abrocken bis zum Ende. Und dann die Getränke. Volker Lüke

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