Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

YOUNG EURO CLASSIC

Grelles Licht garantiert

noch keine Erleuchtung

„Die Generation von heute“, hat Wilhelm Furtwängler gesagt, „hat das Recht darauf, zu Wort zu kommen, auch da, wo sie irrt und tastet.“ So sieht es wohl auch der Dirigent Lukasz Borowicz und hat bei seinem Young-Euro-Classic-Auftritt mit dem Krakauer Beethoven-Akademie-Orchester nur Werke lebender Landmänner dabei. Das Publikum aber vertraut dem Jugendorchestertreffen längst so blind, dass sich selbst bei diesem Programm das Konzerthaus ausverkaufen lässt. Mut also auf allen Seiten.

Piotr Moss’ „Intrada“ von 1993 funktioniert so: groteske Militärfanfaren, kontrapunktiert durch sphärische Klänge, dann ein Trauermarsch, der sich heroisch aufbäumt, gefolgt von düsteren Golem-Passagen, und so fort, in einem Mix aus Schostakowitsch- und Berlioz-Beutestücken. Stummfilmmusik, weiter keines Wortes würdig. Was für eine raffinierte Klangwelt schafft dagegen Krzysztof Penderecki mit viel weniger Musikern in seinem 1992er-Flötenkonzert! Und die Polen, allesamt fortgeschrittene Musikstudenten, bieten diese quecksilbrige Eloquenz, diese stupende Instrumentalbehandlung ebenso brillant dar wie Solist Lukasz Dlugosz. Dann weht der lange Atem der Postmoderne: Henryk Goreckis „Sinfonie der Klagelieder“ von 1976 ist ein Werk für eine gläubige Sopranistin mit sanftem Lamento-Legato wie Wioletta Chodowicz und für diszipliniertes Orchester. Rätselhaft nur, warum bei dieser Meditationsmusik das Saallicht blendend hell angeschaltet bleibt. Frederik Hanssen

TANZ

Direkt auf Los und

wie der Zufall dann will

Ein Mann und zwei Frauen. 49 Milliarden Möglichkeiten. So raunt es die Stimme über Kopfhörer zu in der theatralen Installation „Begeben Sie sich“ in der Black Box der Akademie der Künste am Pariser Platz (7./8., 10.–12., 14./15. und 17./18.8. 18 + 20 Uhr, 19.8. 16 + 18 Uhr). Der Choreograf Martin Stiefermann hat zum dritten Mal ein Hörspiel des Berliner Autors Matthias Wittekindt inszeniert. Als Abschluss der Trilogie kreist auch „Begeben Sie sich“ um die Themen Zufall und Schicksal. Am Anfang muss man sich entscheiden, durch welche der drei Türen man die Black Box betritt, um dann frei durch die schmalen Gänge zu irren.

Die Stimme von Bernhard Schütz führt durch das erzählerische Labyrinth: Er legt die Spuren aus, führt bewusst in die Irre und findet immer die Balance zwischen Mystifikation und Ironie. Die Frau und das Meer, ein Hotel in Marrakesch, eine Verschwörung – der mäandernde Text spült Motive an die Oberfläche wie schillernde Steine. Die Tänzer sorgen für Action. Sie klettern die Wände ihrer Glasbox hoch, liefern sich Kampfszenen oder täuschen einen Orgasmus vor. Wo der Text mit Sprüngen, Auslassungen und Wiederholungen eine lustvolle Kombinatorik in Gang setzt, da hechtet der Tanz über die Sinnlücken und landet oft im Banalen. Der Text aber entwickelt bis zum Schluss einen starken Sog. Vor allem dank des raffinierten Erzählers Bernhard Schütz. Sandra Luzina

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