Kultur : KURZ & KRITISCH

Alena Ey

YOUNG EURO CLASSIC

Südfrüchte können

sauer schmecken

„In Italien sieht nicht alles nur gut aus, sondern klingt auch gut.“ Luzia Braun, Italienfan und Patin des Abends von Young Euro Classic, begrüßte im Konzerthaus begeistert das Publikum. Und es klang auch gut. Trotzdem wollte der Funke vom Orchestra Giovanile Italiana nicht recht überspringen. Woran aber lag’s? Hauptsächlich wohl an der ungewöhnlichen Programmwahl. Nach einer kammermusikalischen Renaissance-Reminiszenz aus der Feder Guiseppe Sinopolis erklang mit „Ex contrario“ Träumerisches von Gija Kantscheli. Durchgehende Quinten vom Band hielten die Komposition zusammen. Darüber entfalteten sich zwei Violinen im Wettstreit mal mit zarten Melodien, mal mit markanten Einwürfen. Die Solisten Andres Mustonen und Pavel Vernikov glänzten hier mit aufmerksam lebhaftem Wechselspiel. Dabei gab gerade Vernikov dem Orchester zeitweise wichtige Impulse. Hätten die beiden Geiger anstelle von Gabriele Ferro hier die dirigentische Leitung in Händen gehabt, die frappanten Unisono-Einwürfe vom Tutti wären wohl weniger verwackelt gewesen.

Bei Prokofjews Ballett-Suite „Der Narr“ war endlich das ganze Orchestra Giovanile Italiana beteiligt. Die jungen Instrumentalisten glitten in dem intellektuell komplexen sowie technisch anspruchsvollen Werk mit Konzentration über die äußerst heiklen Klippen. Und schließlich schwangen sie sich sogar zu großer Homogenität und einer fulminanten Schlusssteigerung auf. Alena Ey

POP

Taranteln können

Beine machen

Bei den Massen an Amüsierwütigen, die mittlerweile jeden Abend durch die Schlesische Straße strömen, müssten eigentlich alle Konzerte im Lido ausverkauft sein. Dennoch gibt es immer wieder tolle Auftritte vor einer Kulisse von 50 Leuten, wie neulich bei den grandiosen Plus/Minus. Voxtrot indes, die ihre Bekanntheit einer kleinen Internet- Hype-Blase verdanken, haben den Laden fast voll bekommen. Vorher muss man freilich noch das mit der Band befreundete Dilettantenduo Laverne & Shirley ertragen. Geradezu euphorisch gestaltet sich dementsprechend der Empfang der Hauptdarsteller. Die meist jugendlichen Fans des Quintetts aus Austin, Texas, wollen Party machen. Sie werden nicht enttäuscht: Sänger Ramesh Srivastava springt herum wie von der Tarantel gestochen und fistelt die spontan mitsingbaren Refrains mit gequetschter Kopfstimme. Jason Chronis traktiert seinen Violinbass mit vergleichbarer Vehemenz, während Mitch Calvert mit unorthodoxer Gitarrenhaltung – Korpus knapp unter der Achsel, Hals nach unten – und schillernden Akkordprogressionen besticht. Voxtrots auf Platte recht braver Indiepop gewinnt live spürbar an Dynamik, rumpelt manchmal wie der heidnische Avantgarde-Folk von Arcade Fire oder erinnert an das hypnotische Geschrammel der frühen Smiths. Der seinem Titel alle Ehre machende Indie-Hit „Firecracker“ und das wüst propellernde „Missing Pieces“ mobilisieren letzte Reserven im Publikum, das danach zufrieden in die sommerlaue Partymeile zurückschwappt. Jörg Wunder

ROCK

Rockstars können

einsam sein

Normalerweise spielt Chuck Prophet mit kompletter Band in voller Rock’n’Roll- Herrlichkeit. Heute kommt er alleine mit akustischer Gitarre. Einziges Solokonzert in Deutschland. Etwas ganz Besonderes für glückliche siebzig Fans im ausverkauften Berlin Guitars. Etwas nervös hibbelt der kalifornische Songwriter, hämmert knallige Akkorde in seine „Martin“- Gitarre, torkelt, wankt, nimmt Fahrt auf, Turnschuh-Tappen – und ist schon mittendrin im berauschenden Songkatalog der letzten 17 Jahre: „Rise“ und „Apology“. Eine überraschende Version von „You Did“, skelettiert auf die Grundbestandteile, erhält einen zusätzlichen Reiz durch ein zweites Mikrofon, in das Prophet im Wechsel singt und das die schöne, kräftige Stimme zum Megaphon- Klang verfremdet.

Auch ohne Band kann Prophet heftig rocken, Erinnerungen an die Stones beschwören, Dylan, Petty, den sumpfigen Sound von Tony Joe White – und entwickelt doch sein ganz spezielles, eigenes Ding. Je mehr er die konzentrierte Aufmerksamkeit der Zuhörer zu schätzen lernt, taut er auf, und immer ausgelassener, immer lustiger werden seine Kommentare zwischen Rocksongs und Balladen. Die witzige Begegnung mit Kim Carnes etwa, die im Schreiben eines gemeinsamen Songs gipfelte: „Just To See You Smile“. Haarsträubende Geschichten über die Freundschaft mit Alejandro Escovedo. Das gemeinsam komponierte „The Swallows Of San Juan“, präsentiert Prophet als letzte Zugabe. H.P. Daniels

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