Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

YOUNG EURO CLASSIC I

Elegie

für eine Erhu

Darauf hatte man gewartet: auf diese vier Töne, dieses unruhige Klopfen, ebenso atemberaubend wie abgegriffen. Man hatte sich gefragt, wie Musiker aus China es wohl spielen, unser ureuropäisches Werk. Doch als sie ansetzten, war schnell klar: Beethovens 5. Symphonie in chinesischer Interpretation – das klingt wie neu erfunden. Das Symphonieorchester des Konservatoriums Schanghai unter Muhai Tang war bereits zum dritten Mal Gast bei „Young Euro Classics“ im Konzerthaus. Mehrmals schon hatten die jungen Musiker aus China bewiesen, das sich nicht nur Power-Pianist Lang Lang auf die Interpretation europäischer Klassiker versteht. In China, erklärte Astrid Frohloff, Fernsehmoderatorin und Patin dieses Abends, sei man gierig auf klassische Musik aus Europa. Das Ergebnis klingt dann wie dieser Beethoven: rasant und voller Energie, so wie man spielt, wenn man in einer dieser boomenden Megametropolen Chinas zu Hause ist.

So weit zu Europa. Doch wie klingt das fernöstliche Riesenreich selbst? Vielleicht so wie in dem eigens für das Festival geschriebenen Werk „Spätherbst für Orchester“ von Guohui Ye: ätherisch, atonal, geräuschhaft, modern. Aber auch so wie in Liqing Yangs „Elegie für Erhu und Orchester“: monumental, pathetisch, mit traditioneller chinesischer Geige. Den Berlinern zumindest sind alle diese Töne lieb. Als dann die jungen Musiker zum Abschied auf ein Zeichen des Dirigenten auch noch freundlich ins Publikum winkten, winken sie freundlich zurück. Bye, bye. Bis bald. Dorte Eilers

YOUNG EURO CLASSIC II

Ode

an den Oud

Was wussten wir vor diesem Konzert über das Königreich Oman? Für die meisten im nahezu ausverkauften Konzerthaus am Freitag dürfte gelten: nicht viel. Jetzt wissen wir, dass das Volk von Oman samt Orchester seinen Sultan liebt und dass es ihm versprochen hat, hart zu arbeiten, um die wundervolle Entwicklung seiner Nation in eine blühende Zukunft in Gang zu halten. Auch wenn das keine außenpolitische Erklärung ist, sondern nur das Programm einer symphonischen Dichtung des omanischen Komponisten Hamdan al Shuaily, ertappt man sich beim Stirnrunzeln. Zugegeben, symphonische Programme von Smetana und Liszt muten nicht selten ähnlich national-affirmativ an, aber das ist hundertfünfzig Jahre her. „Ein Werk von beeindruckenden Proportionen kann keine Bedeutung haben ohne Struktur, keine Struktur ohne Absicht – und keine Absicht ohne Vision“, heißt es im Programmheft. Doch auch in ästhetischer Hinsicht zeigte sich, dass die Symbiose europäischer Orchesterkultur mit östlichen Musiktraditionen zum Drahtseilakt zwischen Crossover und Kitsch gerät. Marcel Khalifes Suite für Oud-Laute und Orchester von 2002 war in ihren besten Momenten eine kunstreiche Folge meditativ kreisender Figuren, in ihren schlechtesten das musikalische Klischee von einem persischen Markt. Überzeugen konnte der Geigensolist Lakshminarayana Subramaniam, der den meditativen Gestus indischer Ragas hart gegen den abendländischen Gedanken musikalischer Prozessualität stellte. Matthias Nöther

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben