Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

YOUNG EURO CLASSIC

Perspektive

ist alles

Es beginnt mit Sprachschnipseln. Ein paar Sätze tragen die Autoren des literarischen Begegnungsprojekts Young Euro Connect vor, dann übernehmen zwei Schauspieler mit der deutschen Übersetzung. Zwölf junge Schriftsteller aus zwölf Ländern haben Kurzessays zum Thema Europa – grenzenlos gleich? verfasst. Sechs davon gehen nun auf Deutschlandreise – nach der Lesung im Konzerthaus treten sie auch in München und Stuttgart auf. Eine gute Gelegenheit für die jungen Europäer, Verbindungen zu knüpfen, auch mit dem deutschen Buchmarkt.

Ist der Aufklärungs- und Revolutionswert der Gleichheit zur hohlen Phrase geworden? Der Franzose Jérôme Lambert schreibt: „Nach den vielen an die französische Grenze zurückgeführten Sans-Papiers überzeugt mich die Möglichkeit der Gleichheit nicht so richtig.“ Hassan Bahara aus den Niederlanden stellt fest, Gleichheit sei etwas, das vielen Immigranten – etwa den Bewohnern der französischen Banlieues – ständig vorenthalten werde: „Da sie sich nicht gleichwertig behandelt fühlen, schlagen sie zurück.“

Perspektive ist alles. Als Nicht-EU-Europäer zeichnet Goce Smilevski ein versöhnlicheres Bild – das eines Kulturraums, nach dem sich die Ausgeschlossenen sehnen. Der Israeli Yiftach Ashkenazy nennt seine Landsleute „Spezialisten der Ausgrenzung“ und beneidet den „europäischen Optimismus“. Aber ihm fallen auch innereuropäische Differenzen auf. Ashkenazy erzählt, wie er in einer Auschwitzer Bar das Fußball-WM-Halbfinale sieht, und denkt über den zunehmenden Konservatismus in Polen nach. Europa, das zeigt der von Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff moderierte Abend, ist nicht auf einen Punkt zu bringen. Der Österreicher Michael Stavaric montiert deshalb vermischte EuropaNachrichten, und die Berlinerin Ariane Grundies macht die Vieldeutigkeit zum Formprinzip ihrer Assoziationsfetzen: „Maximale Krümmung: 10 mm auf 10 cm Länge der Gurke.“ Da haben wir den Europa-Salat. Jan Oberländer

POP

Moritat

mit Mandoline

Bei ihrem Gastspiel im Columbia Club widerlegen Woven Hand das Vorurteil, melancholische Popmusik sei nur etwas für die dunkle Jahreszeit. Die gleißende Intensität ihrer schwermütigen Wüstenrock-Exerzitien passt erstaunlich gut zum Sommertermin. Bandleader David Eugene Edwards verzichtet sogar auf die genreübliche Kleidungsfarbe und besitzt mit weißem, gemustertem Hemd und stirnbandgebändigtem Blondschopf die beunruhigende Ausstrahlung eines verwirrten Karaokesängers. Zum rhythmischen Geschnaufe seines Bandoneons intoniert er mit Reibeisenstimme einen sinistren Folkschunkler, während Peter van Laerhoven der Telecaster metallische Peitschenhiebe entreißt und Bass und Schlagzeug einander samtpfotig umschleichen. Später wechselt Edwards zur halbakustischen Gitarre oder zur Mandoline, aber es bleibt sein wie aus der Tiefe eines leeren Grabes tönender Bariton.

Den Ausfall der Lautsprecheranlage überbrückt Edwards mit einer unverstärkt zur Mandoline gesungenen Moritat: der bejubelte Höhepunkt. Für die hypnotische Zugabe „Down In Your Forest“, einem lodernden Hexentanz-Wüstenblues, greift Edwards erneut zum Bandoneon, das sich wie eine Klapperschlange auf seinen Knien windet. Jörg Wunder

POP

Schönheit

der Veloglocke

Schwesternpaar im Doppelpack: Mit gleich zwei Auftritten zieht das New Yorker Duo CocoRosie die Zuschauer im Lido in den Bann skurriler Klangwelten. Als sich Hunderte kartenloser Fans vor dem Eingang drängen, setzt die Band spontan eine zweite Show um Mitternacht an. Zeremonienmeister TEZ eröffnet vokalartistisch das Konzert, auf der Leinwand flimmern Fehlfrequenzen, als der französische Beatbastler virtuose Rhythmen in den Raum schleudert und imaginäre Plattenteller scratcht. Den Rücken zum Publikum gewandt beginnt Bianca mit Hiphop- und kindlich verzerrtem Popgesang. Feenhaft stört Sierra die Rhythmen ihrer Schwester mit lang gedehnten Operettenarien. Plötzliche Tempowechsel, bizarre akustische Störgeräusche, Harfenklänge, Veloglocken. In der Kehlkopfregion erzeugte Knatschgeräusche und flimmernde Bilder verstörter Kriegskinder verschmelzen zur eindringlichen Melange. Eine Stunde Fantasiereise, ausgedehnte Zugabe, dann ist die erste Show vorbei. Repeat: In frischen Kostümen eröffnen die Schwestern die Mitternachtsrunde, die Rollenverteilung ändert sich leicht, Sierra wirkt dominanter, die Atmosphäre intensiver. Noch zwei Songs, als Zugabe zur Zugabe. Alexander Glodzinski

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