Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Manche

mögen’s kurz

Leute, die länger durchhalten, muss man gelegentlich neu vorstellen: Die Dwarves gehören zu den Punkrockern, die das Leben von der heiteren Seite nehmen. Seit zwanzig Jahren kultiviert die Band aus Chicago ihren Spinnerhumor mit bizarren Kostümen, provokanten Live-Shows und anderen Geschmacklosigkeiten, deren Höhepunkt eine Pressemeldung über den angeblichen Tod ihres Gitarristen HeWhoCannotBeNamed war, was damals ihren Vertrag mit SubPop kostete. Bei ihrem Auftritt im Columbiaclub sind die leicht bekleideten, aber stark tätowierten Internet-Models leider nicht dabei, dafür präsentieren sich die musikalischen Triebtäter in bester Laune: Schlagzeug und Bass füllen die Halle mit brachialem Lärm, die Gitarren sägen metallisch, während sich Sänger Blag Dahlia durch ein wahnwitziges Schmuddelszenario knödelt – als „Blag The Ripper“ in einer „Fucked Up World“, wo nur „Blood, Guts and Pussy“ zählen. Dazu fegt HeWhoCannotBeNamed quicklebendig über die Bretter, nur bekleidet mit einer mexikanischen Wrestling-Maske und seiner Gitarre. Da kommt Freude auf, und selbige steigt, wenn der Naturfreund mit seinem Dödel das Griffbrett bearbeitet. Wer seine gute Laune eher solch derben Späßen verdankt, kommt hier voll auf seine Kosten. Dabei sind die Dwarves echte Profis, die ganz schnell das Schlagzeug umwerfen, bevor jemand noch eine Zugabe fordern kann, nachdem sie in 40 Minuten ungefähr 30 Songs abgefackelt haben. Volker Lüke

YOUNG EURO CLASSIC

Fragen an

Radio Eriwan

Es spricht für das Selbstbewusstsein der Armenier als Musiknation, dass das Orchester des Staatlichen Konservatoriums Jerewan im Konzerthaus nicht mit symphonischen Feuerwerkskörpern wie dem Säbeltanz von Khatschaturian auflief. Schon die Besetzung ohne Bläser sowie die entsprechend verhalten intonierte Festivalfanfare ließen ahnen, dass hier keine musikalisch-folkloristische Materialschlacht zu erwarten war. Die armenische Musik des 20. Jahrhunderts ist reich und anspruchsvoll, glasklar und tiefgründig. Nach einer lobenswert knappen Einführung der ZDF-Moderatorin Patricia Schäfer wurde dies zunächst in einem Violin-„Barockkonzert“ von Edgar Hovhannisian aus dem Jahr 1993 bewiesen, wiewohl hier nur wenig Barockes anklang. Über durchsichtiger neoklassischer Kontrapunktik und ruppigen Bassfiguren besaß der erst 20-jährige Dirigent Sergey Smbatyan sogar den Mut, hier gleichzeitig als Soloviolinist aufzutreten.

Mit Edward Mirzoyans bekenntnishafter „Symphonie für Streicher und Pauke“ von 1962 zwangen die jungen Armenier das Publikum des Konzerthauses vollends auf die Stuhlkante. Mirzoyan scheut weder die verhalten romantische noch die große pathetische Geste – im Rahmen einer modernen Tonsprache, die den Zuhörer gekonnt ausgrätscht. Den fulminanten Abschluss, der auch ein Licht auf das intensive, klangschöne Spiel des jungen Orchesters warf, bildete eine spannend gegen den Strich arrangierte „Carmen-Suite“ des Russen Rodion Schtschedrin. Matthias Nöther

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