Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Aus der Mitte

entspringt ein Feuer

Trauerblumen wiegen sich im heiteren Licht schwermütig dem Abend entgegen, machen auch nicht Halt vor dem tiefsten, schwärzesten Abgrund des Grabes. Giacomo Puccinis aristokratische Elegie auf den Herzog von Aosta, betitelt „I Crisantemi“, wählte der italienische Dirigent Michelangelo Galeati als höchst ungewöhnliche Einleitung zum zweiten Teil des Open-Air-Klassik-Sommers in der KulturBrauerei. Ungewohnt war auch das übrige Programm, eine fein abgewogene Mischung aus Mitreißendem und Zartnervigem. Zu hören waren Raritäten, an denen sich sonst wohl Sammler seltener Aufnahmen ergötzen, neben klassischem Pop. Bevor Galeati eine tänzerisch-nuancierte „Barbier“-Ouvertüre dirigierte, die in solchem Programm an solchem Ort wohl einfach nicht fehlen darf, ließ er mit zwei Werken des weitgehend vergessenen Saverio Mercadante aufhorchen: einer Symphonie nach und einer für Rossini. Die eine stellt ein etwas mehliges Potpourri aus den Themen des „Stabat Mater“ dar (Sinfonia heißt im Italienischen auch Ouvertüre), die andere ein originell instrumentiertes Stück, dem die Berliner Symphoniker unter Galeati eine ganz außergewöhnliche Klarheit verliehen. Die zierlich verschlungenen Melodien nahmen sich wie feinziselierte Origami-Arbeiten aus – derart bereits die Exotismen des Fin de Siècle vorwegnehmend. Galeati ist kein Mann des groben Pinsels, vielmehr des Maßes in allen Lebenslagen. Rossinis Crescendo-Walzen hatte man schon häufig machtvoller gehört. Doch was ihm an urtümlicher Verve vielleicht fehlte, machte Galeati mit der Akribie – dem inneren Feuer! – seiner Interpretationen wett.Matthias Nikolaidis

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