Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Schreien,

bis der letzte Ton verklingt

Wie eine Verkörperung der biblischen Heuschreckenplage sehen The Locust nicht aus. An ihren grauen Ganzkörperanzügen mit Gesichtsmasken und Fellapplikationen fehlen eigentlich nur Stoffohren, dann würde das Quartett aus San Diego eher an niedliche menschengroße Nager erinnern. Bei dem Feuerwerk, das The Locust in einer Dreiviertelstunde im Festsaal Kreuzberg abfackeln, muss die Betriebstemperatur im Inneren ihrer Montur höllisch sein. Allein der Drummer darf bei seiner schweißtreibenden Tätigkeit den tätowierten Oberkörper entblößen, bleibt aber maskiert. Er bestimmt das halsbrecherische Tempo der Songs, die gängige Breakcore-Muster ins Absurde übersteigern.

Zu seinem irrwitzigen Geklöppel rasen Gitarrist und Bassist spinnenfingrig über ihre Instrumente, während der Tastenmann ungemütliche Brummkaskaden aus seinem Synthie presst. Alle drei schreien, oft am Rande der unfreiwilligen Komik, mit nimmermüder Intensität unverständliche Texte ins Mikro – es könnte sich auch um einen Aliendialekt handeln. Die Stop-and-Go-Strukturen lassen das Publikum immer wieder ins Leere laufen. Der Applaus wird so immer zaghafter, weil man stets befürchten muss, dass das Stück doch noch nicht beendet ist. Sogar beim flinken Abbau bleibt die sorgsam gehütete Anonymität gewahrt. Hoffentlich dürfen sich The Locust wenigstens zur After-Show-Dusche aus der künstlichen Heuschreckenhaut pellen. Jörg Wunder

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