Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Bittersüßer

Umweltschutz

Ein besonderer Reiz der Konzerte bei „Berlin Guitars“ liegt darin, dass man hier immer wieder neue erstklassige Musiker entdecken kann. Heute ist es Billy Goodman aus New York, der einen leuchtenden Bogen spannt von Ry Cooder zu Lowell George, von Robert Johnson zu eigenen Songs. Von Teufels-Blues über christliches Bekenntnis bis zur Ballade vom tragischen Leben des Bruders, der aus Vietnam zurückgekehrt, nie mehr Fuß fassen kann in der Normalität des Alltags. Bittersüß. Dann Rachelle Van Zanten in weißem Hängerkleidchen, Schal um den Hals und Hippie-Medaillon. Und ein kräftiger Anschlag auf der Acoustic- Gitarre, die wie eine schmutzige E-Gitarre knurrt und kreischt, während die junge Kanadierin den ganzen Körper in den schweren Rhythmus einpendelt. Boogie, Blues, Rock’n’Roll. All das hat die Farmerstochter aus British Columbia unüberhörbar von Led Zeppelin. Doch weder macht sie ein Hehl daraus, noch überformt sie ihre Vorliebe für die englische Macho-Blues-Band zur gefühlsärmeren Pose à la White Stripes. Van Zanten wirkt bodenständiger, echt, mit viel Charme und Humor. Und sie hat auch noch eine lyrische Seite, mit einem Hang zu Joni Mitchells „Blue“- Phase. Engagiertes Umweltbewusstsein, kräftige Stimme. Eine Entdeckung. H.P. Daniels



BRITPOP

Archaische

Unbekümmertheit

Bei vielen Bands führt Erfolg ja bekanntlich dazu, dass ihre Wildheit gezähmt wird. The Cribs aber sind noch weit davon entfernt, ein Brit-Pop-Massenphänomen wie die Arctic Monkeys oder Kaiser Chiefs zu sein. Bei ihrem Auftritt im Lido beweisen sie von der ersten Sekunde an archaische Unbekümmertheit. Schon beim Warmmacher „MTV“ drischt Gitarrist Ryan Jarman enthemmt auf seine Halbakustische ein, während Zwillingsbruder Gary rabiat über die Saiten seines Basses schrubbt. Beide wechseln sich als Sänger ab, wobei Ryan noch unverständlicher artikuliert als Gary. Der jüngste Bruder Ross verblüfft als Schlagzeug-Urviech: Wie er sein Equipment misshandelt, erinnert an den legendären The- Who-Drummer Keith Moon. Ohrwürmer als Starkstrom-Zitteraale. Am Ende des gut einstündigen Sets, nach einer alles zu Mus rockenden Version von „Ancient History“ und dem Rausschmeißer „Wrong Way To Be“, deuten The Cribs noch an, dass sie durchaus willens wären, die Tradition des Instrumentenzerschmetterns fortzuführen. Das ginge wohl nur mit pralleren Tantiemenkonten. Womöglich würden sie es dann aber gar nicht mehr wollen. Jörg Wunder

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