Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

MUSIKFEST BERLIN

Dich, teure Halle,

grüß ich wieder

Am Sonntag ist dann auch der Chef da: Beim Musikfest Berlin leitet Mariss Jansons das Symphoniorchester des Bayerischen Rundfunks. Tags zuvor war bereits das Concertgebouworkest zu Gast gewesen, dessen künstlerischer Leiter Jansons ebenfalls ist. Hatten die Amsterdamer (unter Bernard Haitink) vor allem mit einer sensiblen Wagner-Interpretation berührt, begeistern die Münchner durch ihre Präzision: Bestens trainiert im Kampf gegen die mittelmäßige Akustik der heimischen Säle, entfalten sie in der Philharmonie einen Sound von geradezu blendender Brillanz. So wie sie beeindruckend reaktionsschnell und punktgenau Sergej Leiferkus in Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“ begleiten, so lässt sich anschließend die trennscharfe Präsenz der Stimmgruppen untereinander in Schostakowitschs 5. Sinfonie als Ringen der Individuen um Eigenständigkeit in einer aufs Kollektive getrimmten Gesellschaft hören. Diese Präzision des BR-Orchesters ist kein kalter Technizismus, man möchte eher von Exzellenz sprechen, einer Genauigkeit mit dem Ziel, Musik zu verdeutlichen. Darin treffen sie sich mit Jansons: Stechend scharf meißelt er im Eingangssatz die martialischen Passagen heraus, wie eine Feuerwalze rauscht das Finale durch den Saal – und löst eine Jubelwelle aus. Bei Debussys „La mer“ allerdings funktioniert diese Ästhetik überhaupt nicht: Schmerzlich vermisst man hier den Aquarell-Mischklang, das ätherisch Changierende, das diese Tondichtung erst zur maritimen Musikpoesie werden lässt. Frederik Hanssen

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