Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Endorphine

im Lichtmast

Nebelschwaden, Stroboskopblitze, dazu das monumentale „Genesis“-Intro des französischen Dancefloor-Hypes Justice – Hot Hot Heat tragen dick auf bei ihrem Einzug ins Lido. Ein bisschen zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein ist wohl nötig, schließlich haben die Kanadier den kommerziellen Durchbruch verpasst, der nach ihrem im Strokes-Fahrwasser gefeierten Debütalbum vor fünf Jahren prophezeit wurde. Vielleicht sind sie einfach zu schräg: Ein Keyboarder als Sänger, das geht ja schon mal gar nicht. Und dann sieht der spillerige Steve Bays mit seiner Pudelfrisur, schneeweißen Röhrenjeans und Windblouson auch noch aus wie die Karikatur eines Seventies- Glamrockers. All die tausendmal erprobten Rockstar-Posen wirken bei ihm zugleich liebevoll nachempfunden und ironisch gebrochen. Aber sie funktionieren, weil die Musik großartig ist. Hot Hot Heat haben nämlich ungefähr ein halbes Dutzend Songs für die Ewigkeit geschrieben. Mit einem davon, dem um ein hypnotisches Orgelmotiv rotierenden Powerpop-Kracher „No, Not Now“, steigen sie klugerweise ein, die anderen streuen sie strategisch geschickt in ihr knapp 80-minütiges Konzert ein. Bejubelter Höhepunkt wird das hymnische „Bandages“ mit verschlepptem Dub-Mittelteil und besonders übertriebenem Posing des offenbar unter permanenter Endorphinausschüttung stehenden Drummers. Bei „Talk To Me, Dance With Me“ krabbelt der Gitarrist einen Lichtmast hoch – warum auch immer. Eigentlich sind es gerade diese Momente sinnlosen Überschwangs, die den Auftritt weit über gediegene Indie-Routine erheben. Zum Schluss hauen Hot Hot Heat eine wunderbar wilde Version von „Goodnight Goodnight“ raus, mit der sie ihr Publikum freudentaumelnd in selbige hinausschicken. Jörg Wunder

THEATER

Alte Liebe

im Staub

Warum auch sollten sie nicht zueinander finden, Witwer Fernando und Witwe Dolores, beide betucht und unabhängig, wenn auch sterbenskrank. Aber, und das ist der hinreißend einzige Einfall der „Geschichten von Mama und Papa“ aus der Feder des Spaniers Alfonso Paso (1926– 1978), sterbenskrank sind sie halt nur aus Geltungssucht und Einsamkeit. Als die Liebe im Wartezimmer des beflissenen Arztes Dr. Rodriguez zuschlägt, ziehen sich alle die eingebildeten körperlichen Bösartigkeiten von selbst zurück, die beiden werden kerngesund, heiraten und steuern Sohn und Tochter gleichfalls in den Ehehafen. Das freundlich harmlose Stücklein um den nur zu berechtigten Anspruch älterer Menschen auf Liebe, Zuneigung und ein bisschen Abenteuer hat Wolfgang Spier im Theater am Kurfürstendamm bearbeitet und im Bühnenbild von Fred Berndt inszeniert, mit gemächlichem Spaß (täglich außer montags 20 Uhr, sonntags 16 Uhr). Allerdings auch ohne eine Spur Ironie gegenüber dem allzu gefälligen Gang.

Was da nämlich so hübsch und leichthändig gelingt mit der späten Liebe in einem angestaubten Spanien vor etwa dreißig Jahren, ist finanziell aufs Angenehmste unterfüttert. Probleme also: keine. Im kleinen Ensemble behauptet sich Achim Wolff als Witwer Fernando durch einen Hechtsprung vom mit tausend Zipperlein beladenen Alten zum schwungvollen Liebhaber und Schwerenöter. Das hat Witz und kommt aus übermütiger Spielfreude. Anita Kupsch hält als Witwe Dolores durchaus stand, sie wandelt das Altjüngferliche virtuos ins Genäschige, sinnlich Erregte um. Steif bleiben die Kinder Anke Rähm und Torben Krämer. Regisseur Spier wusste mit ihren Figuren wenig anzufangen. Den pfiffigen Arzt spielt der Regisseur übrigens selbst, liebenswürdig und ein wenig umständlich – gemächlich auch der Beifall. Christoph Funke

KLASSIK

Zwei Dirigenten blasen

einander den Marsch

Mit der Holidays Symphony von Charles Ives setzt das Konzerthausorchester beim Musikfest einen staunenswerten Akzent, mehrfach sieht sich das Publikum in der Philharmonie zu Zwischenapplaus genötigt. Was hier ausnahmsweise wirklich angebracht ist, passt es doch zur Kunstauffassung von Ives. Dieser uramerikanische Komponist hat mit Lust die reale Welt in seine Musik geholt, die Sinfonie wimmelt von schräg geklopften Volksliedern, heillos übereinandergestapelten Märschen, dann wieder andachtsvoller Naturmystik. Zwischendurch gibt es auch eine Maultrommeleinlage. Und zum Schluss steuert der Ernst-Senff- Chor noch einen feierlichen Hymnus bei. Lothar Zagrosek muss zeitweise sogar Maxim Heller als Zweitdirigenten neben sich dulden, der lässt dann einen Teil des Orchesters einen Gegenmarsch intonieren.

Nach der Pause Dvoraks 9. Sinfonie zu spielen, erweist sich dann als durchaus erhellende Wahl, wird hier doch deutlich, wie sehr dieses Stück, das so viele Menschen für die Klassik begeistert hat wie kaum ein anderes, vom amerikanischen Geist, von der puren Freude am Aufbruch, vom Machbaren inspiriert ist. Nur reicht die Aufführung leider über gutes Mittelmaß nicht hinaus, Zagroseks heftige Lust am Gestikulieren läuft an der schwungvoll- musikantischen Qualität dieser Musik messerscharf vorbei, es fehlt einfach an Elastizität. Und dem zarten zweiten Satz hätte man auch mehr klangliche Delikatesse gewünscht, aber dafür braucht es einen entspannten, langen Atem und viel Vertrauen in das Orchester. Ulrich Pollmann

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