Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Choräle werfen

ihren Schatten

War Charles Ives der amerikanische Gustav Mahler? Diese Frage drängten die San Francisco Symphony und Michael Tilson Thomas den Hörern in der Philharmonie mit ihrem intelligenten Programm geradezu auf. Ives dritte Symphonie, ein musikalischer Widerhall jener derbfrommen Zeltgottesdienste der Erweckungsbewegung, die der Komponist in seiner Jugend erlebte, könnte in Sujet und Collagetechnik zwar Mahlers Hirn entsprungen sein. In seiner Interpretation akzentuierte Michael Tilson Thomas jedoch auch die Unterschiede: Statt sich an der Menschen- und Orchestermasse zu berauschen oder das Groteske der in einander geschachtelten Choralzitate zu betonen, arbeiteten er und sein lupenrein intonierendes Ensemble die unwirklich schillernden Orgelklänge heraus und legten die größte Intensität ins kitschfrei verklärte Pianissimo des letzten Satzes. Auch in Mahlers Siebenter Symphonie bot MTT eine Alternative zu naheliegenden Sichtweisen. Statt die assoziative Logik von Mahlers Komponieren zu betonen, vertraute der Dirigent auf den Architekten Mahler, und statt das Werk in ein durchgängiges neurotisches Licht zu tauchen, gelang es ihm, die Symphonie mit kontrastierenden schizophrenen Schlagschatten entschiedener Pausen und überlegter Akzente zu gliedern. Carsten Niemann

KUNST

Rehe stehen

auf dem Kopf

Der „Himmel über Berlin“ ist eine Raumdecke im Haus am Lützowplatz. Ein riesiges Rotorblatt wirft an die Wand gestrichelte Rehe, Rennpferde, Fahrräder und Autos, die wie moderne Höhlenzeichnungen wirken. Mikolaj Polinski hat sie auf den Kopf gestellt. Verkehrte Welt und karge Poesie bieten die Dialogues des polnischen Akademieprofessors Jaroslaw Kozlowski und sechs seiner Studenten der Kunsthochschule in Posen (Lützowplatz 9, bis 16.9., Di-So 11-18 Uhr). Kozlowski, der aus der Fluxusbewegung kommt, sieht im Schaffensprozess „eine unendliche Untersuchung, einen Prozess des Fragens und Antwortens, in dem eine Antwort zur nächsten Frage führt.“ Wie ein Symposium der Insekten klingt Kozlowskis Arbeit „Personal Files III“, die aus Hunderten von tickenden Weckern besteht – hinter Maschendraht in fünf rostige Metallregale gesperrt. Ähnlich unheimlich wirkt die weiße Emaillebadewanne von Hanna Luczak, die bis zum Rand mit Tinte gefüllt ist. In diesem schwarzen Spiegel reflektiert das Porträt eines Zirkusclowns, dem Luczak sein fotografisches Negativ gegenüberstellt. Yin und Yang, Schwarz und Weiß: Kozlowskis Klasse versteht sich – im erweiterten Sinne – als Zeichenklasse. Ewa Kulesza geht von geographischen Studien aus. Nach Berlin hat sie eine hellblaue Polystyrol-Wolke ziehen lassen und an die Raumdecke gehängt. Eine himmlische Skulptur. Jens Hinrichsen

KERAMIK

Blüten zittern

lange nach

„Sie war mit ihrem Betrieb verheiratet“ erinnert sich Christian Richter an Hedwig Bollhagen. Richter hat in den fünfziger Jahren bei HB, wie die Grande Dame der deutschen Keramik liebevoll abgekürzt wird, seinen Keramikmeister gemacht. Nun sprach er zur Eröffnung der Ausstellung, die das Keramik-Museum Berlin Bollhagen widmet (bis 31. 12., Sa/So/Mo 13-17 Uhr, Schustehrusstr. 13 in Charlottenburg). Bollhagen wäre am 10. November hundert Jahre alt geworden. Rund 150 Keramikobjekte aus über 70 Jahren haben Museumschef und Keramik-Galerist Heinz-Joachim Theis und der rührige Förderkreis des Museums zusammengetragen – als Ergänzung der großen Bollhagen-Retrospektive in Potsdam. Die Berliner Auswahl zeigt frühe Arbeiten aus HBs Zeit in Velten-Vordamm, bevor sie sich 1934 in Marwitz selbständig machen konnte. Und eine „Paris-Vase“, für die sie 1937 die Goldmedaille der Weltausstellung errang. Seltene, in kostbarem Gelb oder Seladongrün prunkende Stücke mit Craquelé-Glasur. Dazu eine der letzten von ihr persönlich mit Blüten und Zweigen bemalten Bodenvasen: mit zittriger Hand im Jahr 2000. Eine kleine Ausstellung – und dennoch Bollhagen total. Ein Universum aus Streifen, Karos, Punkten. Viel mehr als ihr berühmtes Streifenmuster „Blau-Weiß“. Michael Zajonz

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