Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPERETTE

In der Truhe

liegt die Kraft

Tief im Westen, wo außer der Sonne fast alles verstaubt, spielt das neue Stück von Andreas Bisowski: Im Traditionslokal „Drautzke“ am oberen Kudamm herrscht Katzenjammer – die Gäste bleiben weg. Da die älteste Stammkundin, Frau Reibig, aber nicht auf ihren täglichen Mittagstisch verzichten möchte, beschließt sie, Miete und Gehälter zu bezahlen. Was ihrem Alleinerben natürlich gar nicht gefällt. Erst wird sie darum vom Sohnemann ins Jenseits befördert, dann von der um ihre Subventionen besorgte Restaurant-Crew in die Kühltruhe.

„Posse mit Musik“ hätte man so eine wüste Klamotte wie Saure Nierchen wohl früher genannt. Als Import aus Neukölln, wo ihnen am örtlichen Opernhaus schon mancher Streich gelungen ist, sollten Bisowski und sein Komponist Andrew Hannan jetzt auch für die Tribüne in der Otto-Suhr-Allee was Witziges kreieren: Die Musik für Klavier, Blasinstrumente und Schlagzeug ist liebevoll gemacht, die Reime sind weitgehend witzig, doch mehr als eine schrille Idee hat das Stück nicht: Das Charlottenburger Lokalkolorit bleibt Behauptung, der Plot könnte genau so in jedem anderen Bezirk spielen. Auch wenn sich das fünfköpfige Ensemble mit Schmackes noch in die schärfste dramaturgische Steilkurve wirft – am hemmungslosesten: Alex Friese als Extremproll Hartmut – bleibt Heidi Mottls ebenso happy wie endlose Inszenierung letztlich Fastfood für Quatsch-Comedy- Fans (bis 6. Oktober). Frederik Hanssen

KLASSIK

Die Erziehung

des Geräuschs

Umbrüche der Zeiten und ihres musikalischen Ausdrucks dokumentiert das diesjährige Musikfest Berlin, und so kommt es zu einem heterogen wirkenden Programm der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle, dessen Bezüge „hinter“ der Musik im Verborgenen liegen. Eher wird daraus ein bunter Bilderbogen, spannend zumal als stilistisch weit gefächerte Leistungsschau. Pralle Sinnlichkeit eint die Interpretationen, ein Triumph klangschöner Präzision. Ausgerechnet „Ionisation“ von Edgard Varèse, dieses Fanal einer den Klang zum Geräusch, das Werk zum Alltagsritual demontierenden Moderne, verliert dabei jegliche provokative Kraft. Schon optisch mit den vor den jungen Podiumszuhörern postierten Perkussionisten das Klang gewordene Education-Projekt verkörpernd, besticht es als attraktives, farbiges Kompendium der Schlagzeugkunst. Weitaus verstörender dagegen Bartóks „Wunderbarer Mandarin“ im atemberaubenden Wirbel furioser Kreiselfiguren, klirrender Sekundketten und hart zuschnappender Synkopen. Sir Simons Fähigkeit zu flexibler Tempogestaltung und rhythmischer Explosivität kommt dem sehr zugute. Während Klangschmelz die erste von Ferruccio Busonis „Zwei Studien zu Doktor Faust“ regiert, eine düster-delikate, überraschend spätromantische Sarabande, ist es wiederum Bewegungslust, mit der Rattle und sein Solist András Schiff das Klavierkonzert g-Moll von Antonín Dvorák erschließen: wie Schiff, der feinsinnig-strenge Beethoven-Exeget, hier zum Vollblutvirtuosen mutiert, wie er in seinem Part – ein virtuoses Brahms-Chopin-Amalgam – keine Gelegenheit zu struktureller Durchleuchtung ungenutzt lässt, um sich dann umso lustvoller ins Oktav-Arpeggien-Gewühl zu stürzen, das ist schon ein Erlebnis der Extraklasse. Isabel Herzfeld

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