Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

MUSIKFEST

Der Schock

geballter Schlagzeugmacht

Neue Musik findet beim Musikfest als Marathon statt. Nach dem fünfstündigen Eröffnungskonzert mit Morton Feldmans zweitem Streichquartett umrahmt nun das Ensemble Musikfabrik den dreiteiligen Zyklus „Lichtung“ von Emmanuel Nunes im Kammersaal der Philharmonie mit Werken von Edgar Varèse und Wolfgang Rihm zu einem opulenten Doppelkonzert. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Laborierte Feldman vor einer Woche als radikal reduzierte Musik am Rande der Hörschwelle, geht es nun eher turbulent und lärmend zu. Allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Die urmodernen, vom Futurismus gezeichneten Klanggranite eines Edgard Varèse lassen allein schon mit ihrer geballten Schlagzeugmacht noch den Schock erahnen, den sie seinerzeit evozierten. Gleich gut gemachten frühen Sciencefiction-Filmen wirken sie gleichzeitig beeindruckend und rührend altbacken: Mensch, was die damals schon alles konnten!

Ganz anders der Portugiese Nunes, der der deutschen Erstaufführung seines dreiteiligen Zyklus beiwohnt. Seine Musik ist von höchster Abstraktion, entzieht sich scheu und kann sich nur selten zu dramaturgisch greifbaren Gesten entschließen – und baut sich doch immer wieder zu gewaltigen Klangkathedralen auf. Der erste Satz findet erst in der Schlussphase zu sich selbst, wenn Cello und Klarinette das vormalige Klanggewirk in ein intimes Zwiegespräch überführen, um sich die Klänge dann gegenseitig aus dem Leib zu reißen. Den geschlossensten Eindruck macht zu später Stunde der dritte Satz. Viel Applaus für das fantastische Ensemble unter Peter Rundel und die vom Pariser IRCAM beigesteuerte Liveelektronik. Ulrich Pollmann

OPER

Die Süße

starker Frauenarme

Wussten Sie, wie die schöne Müllerin mit Vornamen heißt? Im historischen Pferdestall des Schlosses Britz können Sie es erfahren: Sie heißt Rachelina und ist ein ziemlicher Feger. Als Titelheldin von Giovanni Paisiellos 1788 entstandener Oper La Molinara zieht sie gleich drei Männer am Narrenseil durch eine Komödienhandlung. Und zwar so lange, bis der süßeste von ihnen, der scheue Notar Pistofolo, klatschnass geschwitzt, aber glücklich in ihren zupackenden Armen liegt. Das Erfolgsstück zirkulierte in ganz Europa und fand seinen Weg auch in die Berliner Salons. Dort inspirierte es den Dichter Wilhelm Müller zu dem berühmten Gedichtzyklus, den später Franz Schubert vertonen sollte. Mithilfe einer kleinen Rahmenhandlung erzählt die Aufführung der engagierten Neuköllner Musikschule Paul Hindemith, der Kulturstiftung Schloss Britz und der Klangwerkstatt Berlin beide Geschichten; in einem Intermezzo trägt die Schauspielerin Angela Winkler dazu einige von Schuberts Liedern mit ausgebildeter Stimme und pikantem Chansonnierencharme vor. Der Witz der Librettoübersetzung von Babette und Bettina Bartz, der unverhohlen spielfreudige Stimm- und Ganzkörpereinsatz der jungen Sänger (umwerfend: Franka Kraneis als Müllerin und Matthias Jahrmärker als Notar) und das nonchalant hingelegte Können des ganzen Teams zaubern eine anregende Salonatmosphäre in den Pferdestall. So dass sich eine Art von Opernglück einstellt, das etablierten Opernhäusern nur selten beschieden ist. Carsten Niemann

ARCHITEKTUR

Die Delikatesse

düsterer Visionen

Architektur und Zeichenkunst pflegen eine spannungsvolle Beziehung. Was wäre Karl Friedrich Schinkel ohne seine großformatigen Gemälde, die nicht nur einen Einblick in Griechenlands Blüte gewähren, sondern auch in seine Geisteswelt? Doch nicht alle großen Architekten waren begnadete Zeichner, wie das Beispiel Walter Gropius lehrt. Heute hat der Computer die Entwurfsutensilien Feder und Stift hinweggefegt. Daher gehören die 58 Architekturzeichnungen des Wahlberliners Sergei Tchoban, die derzeit im Werkraum der Architektur-Galerie Berlin zu sehen sind (Karl-Marx-Allee 96, bis 6.10.), wohl zu einer aussterbenden Kunstgattung. Der gebürtige St. Petersburger schafft Blätter von delikater Qualität. Mit ihnen entführt er in eine traumhaft anmutende Architekturwelt, die von mächtigen Kuppeln und spiegelnden Wasserflächen beherrscht wird. Ein wenig düster und häufig monumental, begibt er sich mit Pastellkreide oder Tusche auf die Spur eines Piranesi. In ihrer gelegentlich altmeisterlichen Wirkung sind es jedoch nicht nur freie Architekturvisionen, die selbst im kleinen Format große Wirkung entfalten. Für den viel beschäftigten Architekten dienen die Zeichnungen als wichtige Zwischenstation auf dem weiten Weg vom gedachten zum gebauten Raum. Jürgen Tietz

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