Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

ELEKTRO

Tastenmänner

in Trance

James Chapman ist eigentlich ein Einzelkämpfer. Die elf Songs seines Debütalbums „We Can Create“, das er unter dem Namen Maps bei Mute veröffentlich hat, schrieb er ganz allein in seinem Schlafzimmer. Doch für seine erste Deutschlandtour hat sich der junge Mann aus Northampton fünf Mitstreiter gesucht: Zwei Keyboarder, ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Video-Jockey kommen mit ihm auf die Bühne des 103. Und wie bei einer echten Band steht der Name auf der Bassdrum. Der Sound ist monströs. Anders als auf dem Album, das durch transparente Flächen dominiert wird, geht es jetzt eher um die Errichtung kompakter Wände. Maps betonen die dynamischen Seiten der Stücke, prügeln manchmal sogar mit einer zweiten Snare-Drum auf sie ein. Auch Laut-Leise-Kontraste werden extra herausgearbeitet. Die Leute sollen nicht schwelgen, sondern tanzen – machen sie auch. James Chapman wechselt zwischen E-Gitarre und Yamaha-Sequenzer. Irgendwie wirkt er schüchtern, als wäre er lieber daheim in seinem Schlafzimmer. Mit geschlossenen Augen singt er seine wunderbar sanften Melodien, wobei ihn die beiden Tastenmänner während der Refrains begleiten – ebenfalls mit geschlossenen Augen. Trotzdem driften die Maps nie ab, einen leicht trancehaften Effekt lassen sie nur am Ende des über fünfminütigen „Don’t fear“ aufkommen. Nach einer Stunde verhallt der letzte Synthieton und gesampeltes Vogelgezwitscher begleitet die Band bei ihrem Abgang. Nadine Lange

MUSIKFEST BERLIN

Ehrenrettung

für einen Helden

Um sein Herzensthema, die Auseinandersetzung mit dem Deutschen in der Musik, anzugehen, verliert Ingo Metzmacher keine Zeit: Schon in seinem ersten AboKonzert knöpft sich der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Richard Strauss „Ein Heldenleben“ ein Stück vor, das das deutsche Selbstbild in seiner ganzen Zwiespältigkeit zeigt. Allzu oft klingt Strauss’ autobiografische Tondichtung wie ein Soundtrack zur wilhelminischen Ära: Selbstherrlich in seiner vollorchestralen Protzigkeit und der krachledernen Deftigkeit seines Heldenmotivs, dann wieder von sentimentaler Ergriffenheit im Gedenken an die eigenen Leistungen und zwischendurch, beim Spott auf die quäkenden Kritiker, gern auch ein bisschen antisemitisch.

Nicht jedoch bei Metzmacher: Der schnallt in der Philharmonie dem Helden seinen Kürass ab und findet dahinter ein romantisches Herz und einen kühnen Geist. Überrascht nimmt man zur Kenntnis, wie zart besaitet dieser Held ist. Das Porträt der Strauss-Gattin Pauline (souverän, wenn auch mit einer Überdosis Vibrato: Konzertmeister Wei Lu) ist eine noble Vignette im Rokoko-Geist, die Nachechos des Werdegangs werden zu Reflexionen über die eigene Existenz, die bis in die entlegensten, mit fabelhaften Klangmischungen ausgehorchten Seelen-pianissimi vordringen. Die auftrumpfenden Passagen spitzt Metzmacher ins Grelle zu, gibt ihnen zugleich eine eiskalte, nahezu gestanzte Präzision – das ist nicht das Geräusch der Krupp-Kanonen, sondern das eines freilich ebenso Menschen fressenden industriellen Produktionsprozesses.

Zu Edgard Varèses „Amériques“ von 1926, dem Klangpanorama der neuen Weltmacht USA, ist es da nur noch ein kleiner, folgerichtiger Schritt. Dessen Beginn scheint mit seinen Arabesken von Harfen und Holzbläsern direkt an eine Stelle im „Heldenleben“ anzuknüpfen. Die Kühnheit, mit der die Klangmöglichkeiten des Orchesters zum akustischen Totalitätsanspruch erweitert werden, ist das Verbindungsglied zwischen spätromantischer und neuer Musik. Eine Erkenntnis, die nicht nur dirigentische Kopfgeburt bleibt, sondern von einem fabelhaft disponierten Orchester mitgetragen wird. Jörg Königsdorf

BALLETT

Fellini lässt

die Katzen tanzen

Das Staatsballett Berlin bespielt nun auch die Komische Oper – soweit die gute Nachricht. Die erste Premiere fiel freilich enttäuschend aus. Zu Alice's Wonderland (wieder 13., 15., 21., 22., 27. und 29.9.) verballhornte der italienische Choreograf Giorgio Madia Lewis Carrolls Klassiker – seine Ballett-Version ist für Kinder und Erwachsene gedacht, reicht aber an den wunderlich-britischen Charme und Humor des Buchs nicht heran. Die Choreografie kommt als kesse Revue daher – vor allem die eingestreuten Frivolitäten erinnern an italienisches Trash-TV. Alice in ihrem Karoröckchen, das kaum den Po bedeckt, bekommt Lolita-Appeal verpasst. Acht Tänzerinnen interpretieren die Alice – Iana Salenko ist die vorwitzigste von allen. Desweiteren treten auf: das weiße Kaninchen (keck: Vladislav Marinov), die Cheshire Cat und andere beschwänzte, behütete und bestrapste Kreaturen. Oft hat man freilich das Gefühl, man sei im falschen Film: Für „Alice's Wonderland“ hat Madia nämlich die Fellini-Filmmusiken von Nino Rota geplündert, die live vom Deutschen Filmorchester Babelsberg gespielt werden. Es gibt ein paar hübsche optische Tricks, etwa wenn Alice schrumpft und wieder wächst. Doch Madia gelingt nur eine mäßig verrückte Tee-Party. Schlimmer noch: Sein Ballett ist ohne jeden Anflug von Nonsense. Sandra Luzina

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