Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Schäfer

LITERATURFESTIVAL

Wo

Teppiche fliegen

Sie war lange die einzige Professorin in Marokko, gilt als islamische Feministin, schrieb gegen die frauenfeindliche Auslegung des Koran und beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Veränderung der muslimischen Gesellschaften durch Internet und Satelliten-TV. Sie ist Beraterin der Unesco, erhielt zahlreiche Preise und sitzt auf noch zahlreicheren Podien. Fatema Mernissi ist ein Profi. Sie weiß, wie man auf enttäuschte Erwartungen reagiert: mit Lächeln und mit Schweigen.

Ihr Vortrag, den sie im Haus der Berliner Festspiele hält, heißt„Träume im Islam“, könnte aber auch „Warum hat der Westen Angst vor dem Islam?“ betitelt sein. Ganz praktisch: weil muslimische Frauen dreimal so viele Kinder bekommen wie westliche – was dazu führt, dass etwa die Bevölkerung in den Niederlanden in zehn Jahren mehrheitlich muslimisch sein wird. Und theoretisch: Weil der Islam nicht zwischen Realität und Traum, zwischen Bewusstem und Unbewusstem trennt. Was der Westen als Bedrohung empfinde und was Mernissi an dem arabischen Wort Uma erläutert, das zugleich Ursprung, Referenz, Mutter und universelle Gemeinschaft bedeutet. „Warum kann ein Teppich fliegen? Weil die Weber in Form von Symbolen ihre Träume eingewoben haben.“

Teile des Publikums reagieren entsetzt. Es sei völlig unverständlich, wie sie am 11. September über romantisch fliegende Teppiche sprechen könne, ohne den fliegenden Traum des Mohammed Atta zu erwähnen, sagt eine Frau. Eine andere hält feministische Bücher Mernissis hoch: Ob sie etwa zur gläubigen Mohammedanerin geworden sei? Mernissi lächelt und schweigt. Dieser Moment zeigt auf beklemmende Weise eine Kommunikationsunfähigkeit: Mernissi, deren Vortrag – mit vielen Vereinfachungen und Wiederholungen – mehr Erzählung ist; die westlichen Zuhörer, die auf Konfrontation, Diskurs, Aktualität setzen.

Ein syrischer Psychoanalytiker schlägt die Brücke: ob mit der mütterlichen Gemeinschaft, die sie so hochhalte, nicht auch ein Leiden verbunden sei, weil die muslimischen Gesellschaften die Hinwendung zum Vater, also zur Realität, noch nicht vollzogen habe. Da lächelt Mernissi nicht nur, sondern spricht wieder: „Das stimmt natürlich. Nicht nur der Westen, auch der Islam hat Angst. Überall sieht man Tote. Es gibt einen großen Bedarf an Therapeuten.“ Über an- oder abwesende Väter wollte Mernissi, die selbst in einem Harem aufgewachsen ist, freilich immer noch nicht sprechen. Andreas Schäfer

MUSIKFEST

Wo

Fetzen fliegen

Oh là là, französisch klingt das nicht. Wenn Marek Janowski und das Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin zum Debussy- Schwerpunkt des Musikfests dessen „Khamma“ von 1911/12 beisteuern, dann wird holzschnittiger Impressionismus daraus, ohne Gespür für die exquisite Klangmelange des pseudoägyptischen Balletts. Die Geschichte vom tanzenden Mädchen, das den Sonnengott betört und die Feuersbrunst abzuwenden vermag, verlangt innere Spannung, aber in der Philharmonie zerfällt das faserig-fahrige Werk zu fliegender Asche. Gedämpfte Athmo, gestopfte Trompete – allmählich lodern die Flammen empor: Hier bleibt’s eine uninspirierte Chronik der Ereignisse. Auch Busonis D-Dur-Violinkonzert ist ein undankbares Werk. Frank Peter Zimmermann trägt inbrünstig Tonleitern vor und drischt derart intensiv auf das leere Virtuosen-Stroh ein, dass einen die Sehnsucht nach Ironie packt. Nur das Finale birgt verschmitzte Momente: der Solist rast durch die Partitur, und das Orchester spielt Hase und Igel mit ihm.

Apropos rasender Stillstand: Ferruccio Busoni lag mit dem Finnen Jean Sibelius zeitlebens in freundschaftlichem Wettstreit; da sorgt die Kombination mit Sibelius’ vierter Sinfonie für erhellende Kontraste. Wo Busoni angestrengt schwächelt, erklärt Sibelius die Schwäche zum Programm: Seine Sinfonie lebt von einer Ästhetik der Vergeblichkeit, des Verhaltenen, Dissoziierten. All die unermüdlich sich aufschwingenden Streicherkantilenen! Die klagende Oboe! Die tapfere Flöte! Und keiner weiß weiter. Diesmal gestaltet Janowski. Und man kann hören, wie der Sinn implodiert. Christiane Peitz

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