Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

ROCK

Jeanne d’Arc

trifft Calamity Jane

Josh Ritter trägt schwarzen Anzug, Lockenkopf, flaumiges Bärtchen, eine weiße E-Gitarre und ein unverschämt jugendliches Grinsen. Stakkato-Akkorde erinnern an „London Calling“ von „The Clash, entwickeln sich dann aber zu etwas ganz anderem. Auch wenn man alle fünf Platten des jungen Songwriters aus Idaho gehört hat, hat man eigentlich noch nichts gehört. Man muss ihn auf der Bühne sehen, die Magie des unmittelbaren Augenblicks erleben. Mit ungekünstelter, wahrer Leidenschaft jagt Ritter elektrische Energie durch seinen zappeligen Körper in den Festsaal Kreuzberg. Erzeugt Hochspannung aus einem reißenden Strom rhythmisch melodischer Wörter, rasender Bilder und surrealer Geschichten, in denen sich Calamity Jane, Jeanne d’Arc und anderes wunderliches Personal begegnen. Und wo zwischen Dylan und Springsteen immer noch genügend Raum für Josh Ritters eigene Persönlichkeit bleibt. Gibson-Acoustic, ein paar ältere Songs, und immer wieder zurück zu den zauberhaften Kostproben des neuen Albums. Lennon’sche Harmonien, tiefer Danelectro-Twäng des Gitarristen Austin Nevins, betörender Satzgesang vom Bassisten Zack Hickman. Grollende Orgel, treibendes Schlagzeug. Folksongs, Countrykracher, Rock ’n’ Roll. Humor und Ernsthaftigkeit. Keine falschen Posen, echter Ausdruck. Und ein hingerissenes Publikum, das stillen Folkballaden gebannt lauscht, am Ende für eine Sekunde in absoluter Stille verharrt, bevor der Beifallsorkan losbricht. Ein Konzert des Jahres. H. P. Daniels

THEATER

Diagnose:

Beckenschiefstand

Vor einigen Jahren hat die Journalistin Ildikó von Kürthy ein Buch geschrieben, das mit dem Begriff Bestseller nur unzureichend bezeichnet ist. Das Programm der Komödie am Ku’damm, wo jetzt die Bühnenfassung von Mondscheintarif in der Regie von Katja Wolff Premiere feierte (bis 4. Oktober), verrät, dass noch heute jeden Tag 5000 Exemplare verkauft werden. Verständlicher wird der Erfolg dieses Arztromans für Besserverdienende im Theater allerdings nicht. Die Singleheldin mit dem inspirierenden Namen Cora Hübsch, gespielt von Heike Kloss, wartet vergebens auf den Anruf eines Allgemeinmediziners namens Daniel (Alexander Sternberg), der ihr eine Amphitryon-mäßige Nacht verschafft hat. Dass der schöne Schuft, der schon im Behandlungszimmer Coras Beckenschiefstand korrigieren wollte, höhö, auch nach drei Tagen nichts von sich hat hören lassen, versetzt sie in Panik. Dabei liegt es doch nur daran, dass die Frau Zeit haben soll, in blubberbunten Phrasen über die „Problemzone Mann“ zu philosophieren und hektische Telefonate mit der besten Freundin (Jana Kozewa) zu führen. Es sei nicht verschwiegen, dass dem Pausenplausch nach zu urteilen zumindest die Frauen im Publikum ihren Spaß hatten. Patrick Wildermann

MUSIKFEST

Knallende

Papiertüten

„Verneinung abendländischen Aktivitätskommandos“ hat Thomas Mann die Haltung des Debussy’schen „Fauns“ genannt, der, anstatt sich an den Schreibtisch zu setzen, um einen Bogen über diese oder jene Arbeitsaufgabe zu schlagen, lieber etwas ganz anderes schlägt, nämlich die Beine übereinander. Nicht im Nachzeichnen der durch die Tonalität vorgeformten Spannungsbögen besteht Debussys Musik entsprechend, sondern im Aneinanderreihen von nie Weiterverfolgtem. Charles Dutoit und das Philharmonia Orchestra London zeigen beim Musikfest, dass zu viel von alldem zum Verhängnis werden, die Zeitvergessenheit dieser Tonsprache zu beispielloser Müdigkeit des Ausdrucks führen kann – und dies ausgerechnet in den Passagen aus Debussys „Ibéria“, der Landschaftsführung durch Spanien! Kühl, ja nüchtern hatte Dutoit in der Philharmonie begonnen; in das andeutungshafte Motivspiel der „Jeux“ greift er nur ein, indem er nicht klangzaubert, sondern das Spiel Spiel sein lässt, ein „subtiles Nichts“ (Debussy), dem er durch ein langes Crescendo zu Präsenz verhilft.

Für Ernest Chaussons Tonaquarell „Poème de l’amour et de la mer“ mit der fabelhaften Véronique Gens ist damit das Feld bestellt, gelingen doch in den Versen über den „Tod der Liebe“ ruhige, hoch konzentrierte Augenblicke. Die Stückewahl bringt es freilich auch mit sich, dass Ravels „Valse“ am Schluss eigentümliche Wirkung entfaltet. Der Abend wendet sich, Dutoit lässt die kalkuliert verfremdete Musik zu einer Art Rausschmeißer werden, einer Komposition, die mit Papiertüten knallt. Christiane Tewinkel

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