Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulf Meyer

ARCHITEKTUR

Alle gegen

eines

„Kein einziges Haar in der Suppe“ können die Kritiker des 9. Berliner Architekturquartetts der Bundesarchitektenkammer an zweien der drei Gebäude finden, über die sie im Bode-Museum am Donnerstagabend streiten. Der Umbau einer Rinderhalle auf dem Berliner Schlachthofgelände im Hausburgviertel zur Sporthalle von Chestnutt Niess Architekten sowie die „Wohnetagen Steinstraße“ von Carpaneto Schöningh wird fast kommentarlos durchgewinkt. Am Einkaufszentrum Alexa aber (von Ortner+Ortner und RTKL mit José Quintella) können sie sich abarbeiten. Während der Berliner Architektursoziologe und notorische Stimmann-Kritiker Werner Sewing (TU Berlin) in dem „kitschigen, ehrlichen und erfolgreichen“ Bau eine Apotheose von 15 Jahren „Senatsbaudirektion unter Hans Stimmann“ sieht, ist der als interessierter Laie dazugebetene Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vom Sewing’schen Zynismus entsetzt. Er sieht in dem Gebäude schlicht ein „Denkmal für all das, was wir nicht wollen“ und einen „historisierenden Plattenbau“, wie er 1987 in der Hauptstadt der DDR zur 750-Jahrfeier hätte gebaut werden können.

Tagesspiegel-Kunstredakteurin Nicola Kuhn kann zumindest den Interieurs positive Seiten abgewinnen. Christian Thomas, Architekturkritiker der Frankfurter Rundschau, sieht im Alexa, „das vermutlich schon bald wieder abgerissen wird, das Epizentrum eines Tsunamis aus Geiz und Geilheit“. Vielleicht sollten die Veranstalter für das 10. Quartett Gebäude auswählen, die schwerer zu hassen sind. Oder zu lieben. Ulf Meyer

FILM

Einer

für alle

Die Geschichte ist hierzulande kaum bekannt: Im März 1974, ein Jahr vor dem Ende der Diktatur in Spanien, starb der 25-jährige Salvador Puig Antich den qualvollen Tod durch die Garotte – als letzter politischer Gefangener, der unter Franco hingerichtet wurde. Der Katalane hatte als Bankräuber für die anarchistische Freiheitsbewegung Mil agiert; bei seiner Festnahme wurde ein Polizist erschossen. Nachdem die Eta Regierungschef Luis Carrero Blanco ermordet hatte, einen Freund Francos, wurde Salvador Puig Antich in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Bis heute gilt er als Märtyrer und Volksheld. Ein kurzes Leben, ein großer Filmstoff: „Salvador – Kampf für die Freiheit“ (in den Kinos Babylon Mitte und Lichtblick) läuft seit einem Jahr in Spanien ähnlich erfolgreich wie Pedro Almodóvars „Volver“. Daniel Brühl – seine Mutter ist Spanierin, und er spricht Katalanisch – gibt den iberischen Helden als politischen Schwärmer und bedient damit vor allem ein romantisches Verklärungsbedürfnis.

Rückblickend aus der Todeszelle reihen sich die Lebensstationen: romantische Stunden mit der Geliebten, Tränenrühriges aus der Familie, die Aktionen der raubeinigen Rebellen. Hierzulande aber dürfte der Film es schwer haben – trotz Brühl. Zu sehr vertraut Regisseur Manuel Huerga auf das Geschichtswissen seines Publikums. Andererseits versimpelt er das politische Klima der Zeit. Mit Geheimpolizisten, die lässig in Hauseingängen lehnen, und dem nervösen Fummeln der Guardia Civil an ihren Schlagstöcken ist die Franco-Diktatur nicht erschöpfend beschrieben. Cristina Moles Kaupp

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