Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

KUNST

Figuren sind

Räume

Antony Gormley hat seinem Körper schon reichlich viel zugemutet: Anfangs, noch harmlos, überzog er ihn mit Längen- und Breitenkreisen, wie zur Kartografierung. Dann hat er ihn durchsiebt, ausgehöhlt und nur diese Vermessungslinien als Gitter übrig gelassen. Auch kann man Gormleys Gestalt kopfüber von der Decke hängen sehen und verpixelt, in Riesenmoleküle zerlegt. Seit 20 Jahren macht der Londoner Bildhauer aus Gipsabgüssen seines Leibes Skulpturen. Je länger sich der Turner-Preisträger mit der Figur beschäftigt, desto durchlässiger wird sie: Der umgebende Raum dringt ein in Blei, Stahl und Chrom, durchfurcht das Material, bildet Hohlräume, lässt die Körper immer vergeistigter aussehen. Wie Außerirdische oder Erleuchtete.

„Space in Bodies“ statt Bodies In Space könnte also auch die Gormley-Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum heißen (Sensburger Allee 25, bis 28. 10.). Hier kann man die Entwicklung abschreiten: von einer massiv scheinenden Liegefigur, die – so sieht es aus – unbeholfen versucht aufzustehen, bis zu den in dominosteingroße Stahlblöcke zerbröckelten Männern. Anlass für die Schau ist die Ehrung mit dem Bernhard-Heiliger-Preis, der ihm von der Heiliger-Stiftung im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags verliehen wurde. Im Kunstraum des Parlaments ist das Werk „Feeling Materials“ zu sehen, in dem sich Figur vollends auflöst in Schwingungen. Reine Geste, Körper und Raum sind eins (Schiffbauerdamm, bis 16.12.).Daniel Völzke

KINO

Träume sind

Schäume

Niemand träumt nie. Aber manche wollen aus ihren Träumen partout nicht erwachen – bis ein schlimmes Erleben sie in die Wirklichkeit zwingt. Derlei Ernüchterndes widerfährt auch der Titelheldin von Gernot Krääs preisgekröntem Kinderfilm Paulas Geheimnis (zu sehen in zehn Berliner Kinos), als rumänische Kindertaschendiebe ihr kurz vor den großen Ferien in der U-Bahn den Rucksack ausräumen. Geld und Handy sind weg – und vor allem das unersetzliche Tagebuch, in dem sie doch alle ihre Geheimnisse einem Fantasieprinzen anvertraut. Da bietet sich ihr ausgerechnet der stets hungrige und auch sonst etwas klobig auftretende Klassenkamerad Tobi (Paul Vincent de Wall) an, ihr bei der Privatfahndung nach den Dieben zu helfen – vorausgesetzt, sie macht ihn fit für die Nachprüfung in Englisch. Das Abenteuer verlangt der verwöhnten Paula manchen Verzicht ab – aber gibt es im Leben Schöneres als Streit, Spannung und zahllose Missverständnisse?

„Paulas Geheimnis“, situationskomisch und auch mal melancholisch, spielt souverän sein Drehbuchpotenzial der sozialen Unterschiede aus. Thelma Heintzelmann überzeugt als gehemmtes Oberschichtkind, Paul Vincent de Wall gibt den entspannten Kontrast, und Jürgen Vogel glänzt als Papa Pröllinger, der seinen Namen zu Recht trägt. Und nebenbei erzählt der Film – auch für Erwachsene, die ihre Kindheit nicht vergessen haben – dann doch davon, dass es gut ist, wenn Menschen träumen.Nora Kubach

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