Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Käpt’n

Blaumeer

Ingo Metzmacher, der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters, bringt einige recht eigentümliche Vorlieben mit nach Berlin. Mit seinem glänzend-dunkelblauen Frack setzt er neue modische Akzente am Dirigentenpult, mit Helmut Oehring fördert er einen Komponisten, der – geprägt von Jazz und Rock – einen Musikbegriff vertritt, der Metzmachers Kollegen in der Hauptstadt wohl eher fremd sein dürfte.

Und das nicht ohne Grund: Oehrings mit Solisten, großem Orchester und aufwendiger Liveelektronik realisiertes Werk „Das Blaumeer“ stellt sich als recht unverbindliche Folge von ein paar hübschen Klangflächen, dann derb stampfenden Rhythmen und einigen Soloeinlagen für Knabensopran und Trompete heraus. William Forman, Blechbläser von Weltrang, kann ein paar langweilige Passagen mittels Sensoren elektronisch manipulieren, den Spieler an der E-Gitarre hinter ihm nimmt man kaum war, er hat wohl eher symbolische Bedeutung: Mächtig provokant soll das sein, so ein Rockinstrument mitten im klassischen Orchester. Natürlich werden auch Klänge per Lautsprecher durch die Philharmonie geschickt. Dann ein aufgeblasenes Orchestercrescendo, das war’s auch schon.

Nach der Pause erwacht das bis dahin sichtlich gelangweilte DSO dann – und findet zu Höchstform: Gustav Mahlers vierte Sinfonie gelingt Ingo Metzmacher mit erstaunlicher Leichtigkeit, den scheinbar so kindlich-naiven Kopfsatz gibt er pointensicher, das Orchester reagiert präzise wie ein Kammerensemble. Wunderbar auch die Violinsolopassagen im zweiten Satz, Konzertmeister Wei Lu trifft den Ton zwischen auflodernder Leidenschaft und verhärmter Bitterkeit genau. Ulrich Pollmann

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