Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Da jault

die Geige

Am Ende gibt sie doch auf, die Violine, haucht sich aus dem Leben mit einem letzten, messerscharf geschliffenen Ton, ein Abgesang ohne Rückkehr – kein Wunder bei dem, was vorher passierte: Da gab es Momente nachdenklichen Grübelns, Augenblicke zärtlicher Zuversicht, plötzliche Hektik, ein Trudeln, Kreischen, Stürzen. Es ist ein Parforceritt bis an die Ränder emotionaler Zustände, den Solist Christian Tetzlaff in Jörg Widmanns Konzert für Violine und Orchester an diesem Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zurücklegt. Erst vor wenigen Tagen hat er das Werk zusammen mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter Manfred Honeck in Essen uraufgeführt. Nun präsentiert er es dem Berliner Publikum.

„Musik“, sagt Jörg Widmann, „soll dazu fähig sein, einen über sich hinaus, in andere Zustände treten zu lassen.“ Mit seinem Violinkonzert scheint dies dank des suggestiven Spiels der Musiker erreicht. Unerbittlich wird Christian Tetzlaff dazu angetrieben, sämtliche Extreme seines Instruments und des Ausdrucks zu durchwandern. Mal singt die Geige fast menschelnd, mal jault sie wie ein verwundetes Tier, mal fistelt sie eisig kalt, mal knallt peitschend der Bogen auf die Seiten. Umwoben von den betörenden Klangfarben der Jungen Deutschen Philharmonie ist man da schnell jenseits von … ja, wo eigentlich?

Anton Bruckner konnte diese Frage während seiner Arbeit an der Neunten Symphonie klar beantworten: Sein Jenseits war der Tod, die Neunte für den Monumentalbauer Bruckner ein Mausoleum. Bei den Musikern der Jungen Deutschen Philharmonie sitzt hier vielleicht nicht jeder Stein schulmeisterlich auf dem anderen. Aber mit überschäumender Energie wagen sie die These, dass es Bruckner, ähnlich wie Widmann, verstand, das Leben auch bis kurz vorm Ende in vollen Zügen zu leben. Dorte Eilers

KUNST

Da klagen

die Torsi

Ein Auftritt, den man so schnell nicht vergisst: Neo Rauch im Tagesthemen-Interview anlässlich seiner Ausstellungseröffnung in Wolfsburg vor bald einem Jahr. Der Leipziger Übermaler schwitzt und windet sich, er werde, so verkündet er mit gehetztem Blick, fortan keine Interviews mehr geben, der Rummel quäle ihn, er ziehe sich aus der Öffentlichkeit zurück. Punkt. Nun sitzt der 47-Jährige in der Sächsischen Landesvertretung vor Hunderten von Leuten, Bundestagspräsident Lammert hat gesprochen und es wurde kräftig applaudiert, als der schwarz gekleidete Künstler gemeinsam mit Hans-Werner Schmidt, Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, auf dem Podium Platz nahm. „Wie kommen wir nur in diese Situation?“, fragt Rauch auch gleich. Man habe irgendwann irgendwem leichtsinnig dieses Künstlergespräch zugesagt. Aber da man nun schon mal hier ist – es gibt einiges klarzustellen. Stichwort Neue Leipziger Schule, als dessen prominentester Vertreter Rauch gilt: „Eine Grobzuweisung!“ Der Erfolg der Malerklasse an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er studierte: „Ein Betriebsunfall!“ Überhaupt diese Akademie, an der er nun lehrt: „Ein Zeitvernichtungsaggregat!“ Wenn er in den lästigen Lehrkörpersitzungen wegdämmere, höre er aus seinem Atelier das „Wehklagen der Torsi, die auf Arme und Beine warten“. Rauch kann witzig sein. Nur manchmal sinkt seine Stimme zu einem Grollen, kaum merklich. Dann redet er von „Nebelbänken und Störfeuern“ in seinem Lebenslauf, von der Zudringlichkeit der „Skribenten“, von goyahaftem „Ungeziefer“. Da ist er wieder, der dunkle, dissidierende Malerfürst – den sich alle wünschen. Daniel Völzke

ARCHITEKTUR

Da heilen

die Wunden

Städte, so scheint es, besitzen Ewigkeitswert. Da gerät leicht in Vergessenheit, was für sensible Gebilde sie eigentlich sind. Schließlich bleiben städtebauliche Wunden häufig über Generationen bestehen. So auch in Ulm, das nach 1945 von einer Verkehrsschneise durchtrennt wurde. Dank des Projekts „Neue Mitte Ulm“ wurde aus der innerstädtischen Autobahn ab 2002 wieder ein Stadtraum, der nun eine Auszeichnung beim Deutschen Städtebaupreis 2006 erhielt.

Zusammen mit den weiteren prämierten Projekten wird das Ulmer Beispiel in der Galerie Aedes Land vorgestellt (Savignyplatz, Else-Ury-Bogen 600, bis 18. 10., Katalog jovis Verlag 32 €). Den Hauptpreis erhielt die Planung für Ostfildern Scharnhauser Park von Alban Janson und Sophie Wolfrum, Stuttgart. Ihnen ist es gelungen, einem „unsäglich zersiedelten Raum durch ein prägnantes städtebauliches Konzept ein spezifisches Gesicht zu geben“, meinte die Jury. Hauptmerkmal des Entwurfs ist eine lang gestreckte Landschaftstreppe, die die Siedlung als grüne Mitte gliedert. Im Städtebau prallen derzeit unterschiedliche Konzepte aufeinander: die konventionelle KernStadtreparatur à la Stimmann und die Weiterentwicklung des „Zwischenstadt“-Konzepts von Thomas Sieverts. Beim Deutschen Städtebaupreis , der inzwischen durch die Wüstenrot-Stiftung finanziert ist, wurden beide mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Jürgen Tietz

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