Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

LITERATUR

Irre

wie wir

In Alexis Kremins Inszenierung von Tobias Schwartz’ Theaterstück „Leben fährt weiter“ im Orphtheater wird sehr vielen alten Büchern sehr viel Gewalt angetan. Beteiligt sind ein ins existenzielle Nichts reisendes Pärchen und ein diktatorischer Zugschaffner. Während sie über die biblische Universalsprache philosophieren, trampeln sie auf Schiller, Keller und Grillparzer herum und fegen sie von der Bühne (wieder am 21.-24. und 28.-30. September). Zum Glück liegt im Foyer frischer Lesestoff bereit: Schwartz’ soeben erschienener Debütroman Film B (Satyr Verlag, Berlin, 12,90 €). Das B steht natürlich für Berlin, ein Frühneunziger-Party-Musik-Drogenberlin, durch das die drei Protagonisten streifen. Lars, der Psychatrie-Freigänger. Stefan, sein Pfleger. Und Gaby, Stefans Freundin und Lars’ Geliebte und Discokönigin. „Wir stehen auf Glamrock und ficken auf Koks“, denkt sie einmal, und ein Rausch ist tatsächlich, was in atemlosen Absätzen zwischen urinstinkenden Krankenhausfluren und vernebelten Tanzflächen, zwischen Stadtsommer und Bettschwüle passiert. Streckenweise rauschen Schwartz’ Satzschleifen und Popzitate am Leser vorbei wie die U-Bahn, in der das Buch dem Vorwort von Armin Petras zufolge am besten gelesen werden sollte. Die Poesie des Buches speist sich zwar zu einem guten Teil aus Smiths-Lyrics, aber vielleicht wird das Buch gerade deshalb zum Soundtrack für die nächste Irrfahrt durch die Berliner Nacht. Wie singt Morrissey, singt Gaby? „Das ist mein Leben / und ich ruiniere es auf meine Weise.“ Jan Oberländer

KLASSIK

Kinder

wie wir

Man sagt, Leos Janácek habe sich bei seinem „Concertino für Klavier und Kammerensemble“ daran erinnert, wie er als kleiner Junge kreuzgrade auf dem Klavierschemel balancierte, im Nacken den gestrengen Vater. Das hört man besonders am Anfang: eine kurze Melodie, wie eine Fingerübung wiederholt, sekundiert vom altmeisterlich antwortenden Horn. András Schiff scheint solche Torturen zu kennen, so trotzig haut er in die Tasten. Kindlich geprägt war dieses Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie mit Schiff als Pianist in Residence ohnehin. Da gab es Antonín Dvoráks „Bagatellen für zwei Violinen, Violoncello und Harmonium“, mit denen Schiff und Mitglieder der Philharmoniker den Zuhörern zärtlich die Wangen streichelten. Vor allem aber gab es Dvoráks vierhändige „Slawischen Tänze“. Hier nahm Sir Simon Rattle neben Schiff Platz. Beschwingt spielten sie den Tanz Nr. 2. Tanz Nr. 3 erinnerte fern an das Kinderlied „Bi-Ba-Butzemann“. Und spätestens ab Nr. 4 knufften sie sich mit schelmischen Blicken in die Seite. Nun sagte Elfriede Jelinek zwar einmal, dass Künstler Leute seien, deren Kindheit sich auf sonderbare Weise verlängere. Aber ob dies ein ganzes Konzert bestimmen sollte? Musikalisch zumindest hatte der Abend seine spannendsten Momente bei Janácek, vor allem in seinem grotesk-fratzenhaftem „Capriccio für Klavier linke Hand und Bläserensemble“. Alles andere war ein liebevoller Aufheller für graue Tage. Dorte Eilers

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