Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nikolaidis

KLASSIK

Zwischen Hoffnung

und Hiroshima

Lothar Zagrosek kann man nicht viel vorwerfen – höchstens einen herben Mangel an Eitelkeit. Am Freitag verbrachte er die zweite Hälfte eines Konzerts nur mit dem Ernst Senff Chor und 14 Bläsern aus seinem Konzerthausorchester. Mit seiner Messe in e-Moll hatte Anton Bruckner gleichsam eine Harmoniemusik unter Chor-Kaskaden komponiert, manchmal auch eine Kollektiv-Arie mit obligater Klarinette. Schnörkellos, mit klarer Energie interpretierte der Ernst Senff Chor diese Musik, die neben dem Ende aller Zeiten auch die süßesten Hoffnungen auf den Erlöser in Szene setzt. Doch Bruckners Messe war nur der versöhnliche Abschluss für den thematischen Bogen dieses Konzerts, das an den Atombomben- Abwurf von Hiroshima erinnerte. Pendereckis „Threnos“ für Streicher von 1960 erwies sich dabei als geschickte Beseelung eines zu Beginn glasharfenähnlichen Klangs. Trickreich führte Zagrosek seine Streicher zunächst durch alle Arten von Klopfen und Zupfen hindurch, um zuletzt die Verve und Emphase empfindlich zu steigern. Luigo Nonos „Canti di vita e d’amore“, beruhend auf dem Text „Auf der Brücke von Hiroshima“ von Günther Anders, der den 6. August 1945 als schärfsten Einschnitt seines Lebens ansah, zeichnet sich durch den Kontrast zwischen orchestralen Attacken und vokalen Kantilenen aus, die nicht formschöner sein könnten. Stacey Mastrian sang ihren zartgliedrigen Sopran-Part zugleich wendig und passioniert, Niclas Oettermann schälte je länger, desto expressiver die Geste des Leidens heraus. Sprachlosigkeit sei die einzige Antwort auf die Jahrhundertkatastrophe, meinte Zagrosek vor dem Konzert wie entschuldigend. Seine Musik versuchte, ihn zu widerlegen. Matthias Nikolaidis

KUNST

Zwischen

den Stühlen

Es ist dies ein virtuelles Zusammentreffen der jeweils bedeutendsten Universitätskliniken Frankreichs und Deutschlands: Auf dem Gelände des Pariser Hôpital de la Pitié-Salpêtrière hat die Künstlerin Annibel Cunoldi Attems eine Installation in situ fertiggestellt, die parallel im Wilhelm-Griesinger-Haus der Charité in Form einer Fotodokumentation gezeigt wird. Cunoldi widmet ihre Text-Arbeit Jean-Martin Charcot (1825-1883), dem radikalen Reformer des Psychiatriewesens, der auch Freuds Lehrer war (Psychiatrische Klinik, Haupteingang Charitéplatz 1, bis 30.11., Mo-So 10-20 Uhr). Auf insgesamt 13 Fotos gewinnt man einen umfassenden Eindruck von der Wortinstallation, die Cunoldi für die „Loges de Viel“ geschaffen hat, der bekanntesten psychiatrischen Anstalt des 19. Jahrhunderts. 22 halbkreisförmige Holzsitze, auf denen einst Patientinnen vor ihren Zellen saßen, hat Cunoldi mit Stahlplatten ergänzt, in die verschiedene Begriffe eingraviert sind. Nach dem Prinzip sich kreuzender Scrabble-Buchstaben werden Wörter wie „Psychiatrie“ und „Neurologie“ oder „Desorganisation“ und „Dissociation“ miteinander kombiniert. Die Vielfalt der Begriffe summiert sich zum ABC moderner Psychologie: Der in der Salpêtrière praktizierende Arzt und Maler Charcot hatte mittels Hypnoseexperimenten erstmals herausgefunden, dass die Symptome der „Hysterie“ (heute sprechen Ärzte von „histrionischer Persönlichkeitsstörung“) teils auf verdrängte Traumata der Behandelten zurückzuführen waren. „Diversité“ nennt Cunoldi ihr Projekt, das sich mit dem schmalen Grat zwischen Normal- und Anderssein beschäftigt. Die Original-Installation wird erst am 13. September in Paris eröffnet. Jens Hinrichsen

POP

Zwischen Tieren

und Kindern

„Die Tiere sind unruhig, die Kinder nervös“: Besser als mit dem dramatischen Titelstück ihres letztjährigen Albums könnten Kante ihren Auftritt im Postbahnhof nicht eröffnen. „Es könnte jeden Moment passieren“, beschwört Sänger Peter Thiessen die zitternde Erregung vor dem Sturm. Schade, dass zum letzten Konzert des Sally-Sounds-Festivals bei vielen in der locker gefüllten Halle die Stimmung schon wieder abgekühlt ist. Doch so wie sich die Gestalt von Thiessen im Raum behauptet, mächtig und zugleich zurückhaltend, so tut es auch der Kante-Klang. Der ausufernde Postrock mit Hamburger-Schule-Prägung folgt einem eigenen Pulsschlag. Auf den Herzschlag-Rhythmus des Schlagzeugs lässt Gitarrist Felix Müller wabernde Akkorde niedergehen. Thiessen webt ein dunkel schillerndes Klangmuster ein und langsam wie ein Schlafwandler singt er: „Du folgst mir durch die Nacht … Du hältst das Fieber wach.“ Eine erhabene Ballade vom bemerkenswerten Großstadt-Soundtrack „Rhythmus Berlin“, dessen Texte für die gleichnamige Revue im Friedrichstadtpalast entstanden. „Die Wahrheit“ bringt die rockige Seite von Kante zu Tage. Konzentriert und mit Hingabe wirft die Band sich in die Instrumente. Diese Eklektiker verstehen es, sich stilistisch ständig neu zu erfinden, fern jeder Ironie. „Die Summe der einzelnen Teile“ beschließt den Abend mit neuerlicher Aufbruchsverheißung, und nun ist auch Bewegung im Saal. Kolja Reichert

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