Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Schäfer

CHANSON

Das nützt die Liebe

in Gedanken

Auf Yogamatten liegen, um den Sitarklängen indischer Musik zu lauschen – „Nachtmusik“ heißt eine der schönsten Berliner Kulturveranstaltung, die im Radialsystem hoch über der Spree stattfindet. Doch heute ist es anders. In 16 Konzerten wird das ganze Haus bespielt. Die Besucher strömern von der Lounge über den Kubus bis zum fünften Stock – um sich schließlich, gespannt und mucksmäuschenstill, in der großen Halle einzufinden: Angela Winkler singt Lieder von Eisler, Stolz, Weill und Oskar Strauß. Schlichtes schwarzes Kleid, das eine Bein leicht eingeknickt, den Kopf etwas gesenkt, schaut sie unter ihren Brauen hervor – und singt von der Sehnsucht („nach der Sünde“) und dem Meer (das „grau ist wie Blei“), so kraftvoll klar und gleichzeitig zaghaft, dass es einem sofort die Tränen in die Augen treibt. Zwischendurch beugt sie sich schutzsuchend zum Pianisten Adam Benzwi oder schüttelt kurz das Haar, als wolle sie den Geist des gerade verklungenen Liedes vertreiben. Und um Geister geht es. Angela Winkler berührt den Inhalt der Texte gewissermaßen nur mit der Fingerspitze – und entkörperlicht, erhebt ihn dadurch. Wenn also von Sünde die Rede ist, dann kann nur die Sünde des Gedankens gemeint sein. Und die „Frankfurter Allee“, auf der in Brechts Versen ein zusammengebrochenes Pferd von hungrigen Menschen gefressen wird, liegt nicht in Friedrichshain, sondern irgendwo in den Lüften einer wundersamen Traumwelt, die man nach einer halben Stunde viel zu früh wieder verlassen muss. Andreas Schäfer

THEATER

Held mit

Handicap

Der rollende V-Effekt, denkt man zuerst: Wallenstein im Rollstuhl, glitzernde Speichen zwischen abgetragenen Gewändern, der historische Feldherr mit zeitgenössischem Untersatz. Aber von wegen: Dass Klaus-Maria Brandauer, der sich vor zwei Wochen in der Kulisse am Fuß verletzt hatte und in der Neuköllner Kindl- Brauerei zunächst von Regisseur Peter Stein mit Textbuch dargestellt worden war, an diesem Wochenende nun den Friedländer im Rollstuhl gab – es entstellt Schillers Titelhelden erst richtig zur Kenntlichkeit. Der Machtmensch im Augenblick seines Abtritts, er kann nicht mehr laufen! Kräftig greift Brandauer in die Reifen und kurvt über die Bühne, schiebt sich im Slalom zwischen den behelmten Getreuen hindurch. Grübelt er, vollzieht der Stuhl seine Gedankenbewegung nach, im minimalen Vor und Zurück. Mal stößt der Feldherr sich mit dem gesunden Fuß nach vorne und markiert frische Entschlusskraft, mal klappt er im Schock über den Verrat der Generale den Abtritt knallend herunter, mal lehnt er sich weitestmöglich zurück. So bräsig, cool, knarzig, so abgrundtief melancholisch war Wallenstein nie. Der Held mit Handicap, als wär’s ein genialer Regieeinfall. Die Theaterwelt fragt sich gespannt, welche Fußangeln er bei den letzten Vorstellungen Anfang Oktober auslegt. Christiane Peitz

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