Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Gedächtnistraining

für den König

Der „Architekt des Königs“ als Fremdenführer, Vertrauter, Krankenpfleger. Friedrich August Stüler, mit dem Bau des Neuen Museums in Berlin und anderen Großprojekten eigentlich schon ausgelastet, begleitete seinen König auf dessen letzten beiden Reisen. Im Juni 1858 brach Friedrich Wilhelm IV., der an Arteriosklerose litt und bereits zwei Schlaganfälle überstanden hatte, zur Erholung nach Bayern auf. Im Oktober fuhren König und Königin für ein halbes Jahr nach Italien, zum letzten Mal gemeinsam.

Die Majestäten reisten inkognito, aber mit großem, auf 19 Reisewagen verteiltem Gefolge. Dazu gehörte auch Stüler, den der todkranke und menschenscheue Monarch besonders schätzte. Der Architekt warf mit poetisch leichter Hand direkt vor Ort Ansichten der besuchten Sehenswürdigkeiten aufs Papier. Seine 90 erhaltenen Zeichnungen und Aquarelle aus Bayern und Italien zeigt nun die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten: in den Römischen Bädern im Schlosspark Sanssouci (bis 31. 10., Di–So 10–17 Uhr, Katalog 14, 90 €, Sonderführungen am 3. und 14. 10. jeweils um 15 Uhr).

Tegernseer Bauerngehöfte und römische Sonnenuntergänge, als Therapie und Dokument: Dem italophilen Hohenzollernherrscher wurden Stülers touristische Sehnsuchtsblicke abends beim Tee vorgelegt, um sein durch den Schlaganfall beeinträchtigtes Sprach- und Erinnerungsvermögen zu trainieren. Historikern ermöglichen die mit Datum und Ort versehenen Blätter eine Rekonstruktion der italienischen Reiseroute – und sind doch vollgültige Kunstwerke. Mit feinstem Bleistiftstrich zaubert der zeichnende Architekt nicht nur Bauten und Landschaften aufs Papier, sondern auch spätsommerliche Ferienstimmungen. Italien als sinnliches Gesamtkunstwerk, wie man es in der Potsdamer Parklandschaft nachempfunden hatte.

Von Südtirol ging es über Florenz und Rom – wo Kunstwerke für das im Bau befindliche Orangerieschloss erworben wurden – bis nach Neapel. Preußens König, der im Süden spürbar aufgelebt war, hat nach seiner Rückkehr die Regierungsgeschäfte nicht mehr übernommen. Friedrich Wilhelm IV. starb im Januar 1861 – und hinterließ mit dem neugestalteten Schlosspark Sanssouci seinen italienischen Traum.Michael Zajonz

KUNST

Bei aller Skepsis

doch ein Lächeln

Der Kopf des bronzenen Domengels zu Güstrow trägt die Züge einer berühmten Künstlerin. Zufall? Ernst Barlach selbst bekannte, ihm sei „das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hätte“. Eine Replik dieses ungewollten Porträts der Künstlerkollegin ist im Käthe-Kollwitz-Museum zu sehen, das sich den Selbstbildnissen der Künstlerin (1867–1945) widmet, zu Ehren ihres 140. Geburtstages am 8. Juli (Fasanenstraße 24, bis 29.10., Mi–Mo 11–18 Uhr, Katalog 24 Euro).

Über 100 Gesichter einer Frau sind zu erleben, auf zwei Museumsetagen. Die Schau trägt den Titel „Selbst-Bewusstsein“. Von narzisstischer Selbstbespiegelung ist in den Kreide- oder Kohlezeichnungen, in Radierungen und Lithografien indes keine Spur: Kollwitz nimmt sich selbst ohne Beschönigung unter die Lupe. Die Ausstellung macht Lebenszeit sichtbar, indem sie einen großen Bogen schlägt, von den (manchmal jungenhaften) Selbstporträts aus der Studienzeit in München bis zu Altersbildnissen einer Künstlerin, deren Augen Krieg und Armut gesehen haben – und die zeitlebens gegen Ungerechtigkeit kämpfte. In einem lithografischen Selbstbildnis von 1934 – nach dem von den Nazis erzwungenen Austritt aus der Berliner Akademie durfte sie kaum noch ausstellen – scheint sie ganz nahe an den Betrachter heranzurücken. Welcher Kontrast zu düsteren Stimmungen im frühen, mit Tinte gezeichneten „Selbstbildnis en face“ von 1888/89! Hier ließ Kollwitz die Feder tanzen. Ausnahmsweise öffnet sich hier der sonst so skeptisch herabgezogene Mund zu einem Lächeln. Jens Hinrichsen

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